Im Schatten des „Wolfes“ leben….ich erinnere mich…

an den Juni 2013…… noch immer bin ich ohne  ausreichende rheumatologische Behandlung. Ich leide unter Übelkeit, starken Muskelschmerzen und extremer Schwäche. An meinen Beinen haben sich riesige blaue Flecken gebildet, meine Konzentration ist derartig schlecht, dass ich kaum mehr in der Lage bin die alltäglichsten Dinge zu verrichten. Hinzu kommen, im Rahmen der Grunderkrankung auftretende Entzündungsherde im Mund und Rachenraum.

Oberhalb meines oberen Schneidezahnes hat sich eine Fistel gebildet, aus der bereits bei geringster Berührung Blut und Eiter rinnt. Nach einer Röntgenaufnahme aus der ersichtlich wird, dass der Zahnhalteapparat bereits so stark geschädigt ist, dass mein Zahnarzt Sorge hat den Zahn nicht erhalten zu können, schickt er mich zu einem Spezialisten für paradontale Erkrankungen, in der Hoffnung, dass er mit Hilfe einer professionellen Behandlung der Fistel, den Zahn erhalten kann.

Aufgrund meiner sonstigen Einschränkungen hab ich ernsthaft Sorge wie ich es schaffen soll die Termine in der Spezialpraxis einzuhalten. Trotzdem, ich bin gewillt die Behandlung in Angriff zu nehmen. Koste es was es wolle, ich möchte den Zahn erhalten.

Leider begegnet man mir in dieser Praxis alles andere als freundlich. Meine Grunderkrankung interessiert den Arzt nicht, ich bekomme zu hören, ich solle mir einfach besser die Zähne putzen. Wenngleich ich schon an dieser Stelle sehr verletzt bin und es mich bei jedem Termin große Überwindung kostet die Praxis zu betreten, lasse ich die Behandlung weiter über mich ergehen. Zu groß ist meine Angst den Zahn nicht retten zu können, es wäre bereits der zweite den ich aufgrund meiner Erkrankung verlieren würde.

Trotz aller Widerstände, die ich aufgrund der mir entgegen gebrachten Unfreundlichkeit dem Arzt gegenüber empfinde, lohnt sich die Behandlung. Die Entzündung kann eingedämmt werden, es besteht Hoffnung, dass der Zahn gerettet werden kann. Allerdings ist der Zahnhalteapparat bereits so sehr geschädigt, dass der Zahn an Stabilität eingebüßt hat, weshalb ich an eine kieferorthopädische Praxis überwiesen werde.

Was ich dort erleben soll ist noch heute kaum fassbar für mich, es hat sich tief in meine Erinnerung eingegraben.

In der Praxis angekommen erwartet mich zunächst erneut der Vorwurf einer mangelnden Zahnhygiene, auch hier spielt meine Grunderkrankung (und die Tatsache, dass Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis und die ausgeprägte Lymphopenie die ich habe, auch bei bester Zahnhygiene den Zahnhalteapparat zerstören kann) keinerlei Rolle. Nachdem ich die Vorwürfe über mich habe ergehen habe lassen, wird mir unterbreitet, dass zur Rettung des Zahnes lediglich eine langwierige kieferorthopädische Behandlung in Betracht komme. Der Zahn soll mittels einer festsitzenden Zahnspange stabilisiert werden, der Behandlungserfolg sei jedoch ungewiss.

In mir bricht eine Welt zusammen. Mein bereits ohnehin schon von der Krankheit angeschlagenes Selbstbild bricht vollkommen zusammen. Mein Selbstbild, das bis vor der Erkrankung das Bild einer im Leben stehenden, einigermaßen attraktiven und erfolgreichen Frau war, erhält förmlich den Todesstoß. In Tränen aufgelöst versuche ich dem Arzt zu vermitteln, was dieser Gedanke in mir auslöst, woraufhin er mich fragt, was ich denn beruflich mache. Als ich ihm erkläre, dass ich aus gesundheitlichen Gründen bereits in den Vorruhestand versetzt wurde, entgegnet er mir ungerührt:

 

„Dann ist das ja alles gar kein Problem. Sie können ja einfach den Mund halten.“

 

Ich bin fassungslos!!!! Soviel Wert besitzt man also noch, wenn man chronisch erkrankt ist?! Man kann einfach den Mund halten, hat nichts mehr zu melden?! So einfach ist das also!!!

Fluchtartig verlasse ich die Praxis, allerdings nicht ohne dem Herrn noch mitgeteilt zu haben, dass ich die Behandlung ablehne und dass ich seine Praxis, angesichts der mir entgegen gebrachten „Wertschätzung“ natürlich dringend weiter empfehlen werde.

Doch was nun? Völlig aufgelöst und durcheinander, vollkommen geflutet von Kränkung, Hilflosigkeit und der Angst um meinen Zahn (den ich nun wohl doch verlieren werde) schaffe ich kaum den Weg zurück zum Auto. Es ist mir noch heute ein Rätsel, wie es mir gelungen ist in diesem Zustand heil und ohne Unfall nach Hause zu gelangen.

Zuhause angelangt, in sicherer Umgebung, packt mich dann allerdings der heilige Zorn. Es steigt eine solch ohnmächtige Wut in mir auf, dass ich am liebsten alles um mich herum kurz und klein schlagen würde. Der rasende Zorn auf die Erkrankung, auf das was aus meinem Leben geworden ist und nicht zuletzt auf diesen Menschen, der mir dieses Elend so schonungslos und unumwunden vor Augen geführt hat, macht sich ungehindert in mir breit. Es ist eine so ungeheure Wut, ein derartig zerstörerisches Gefühl, ein Gefühl das eine solche Intensität aufweist, dass ich geradezu vor mir selbst erschrecke.

 

Doch HALT!!!!! STOPP!!!!! NEIN!!! Ich werde nicht zulassen, dass ich mich zum „Opfer“ machen lasse. Um gar keinen Preis. Ich bin NICHT gewillt das „Opfer“ meiner Erkrankung und meiner Lebensumstände zu werden. Auch werde ich nicht das „Opfer“ eines Menschen werden, der ganz offensichtlich (weshalb auch immer?!) an einem ausgeprägten Mangel an Empathie leidet.

Und noch viel weniger möchte ich vom „Opfer“ zum „Täter“ werden. Ich will nicht zu jemandem werden, der aus seiner eigenen Verletzung heraus andere verletzt, schlecht macht, herabwürdigt. Aber ich möchte auch nicht still halten, nicht schweigen. Ich möchte Grenzen setzen!!!!

Ja, ich werde Wege finden mir meine Würde als Mensch zu bewahren, ganz egal wie sehr mir die Erkrankung zusetzt und unabhängig davon wie andere mich sehen……….Dieser Entschluss steht fest.

 

EPILOG

Noch lange und auch in unzähligen anderen Situationen, die ich auf meiner Suche nach Hilfe erlebt habe, hat mich Hilflosigkeit und zum Teil auch ohnmächtige Wut begleitet. Haben diese Gefühle an meiner Souveränität und an meiner Standfestigkeit gezerrt und gerüttelt. Und ganz ehrlich, es wäre gelogen würde ich behaupten, dass mich diese Gefühle nicht auch heute noch hin und wieder begleiten. Insbesondere dann wenn ich miterleben muss, wie mit hilfesuchenden Menschen (und dabei schließe ich mich als Patientin mit chronischer Erkrankung mit ein!) zum Teil in unserer Gesellschaft umgegangen wird.

 Und trotzdem, ich habe andere Wege gefunden!!! Ich kann mit Freude berichten, dass mein Zahn erhalten werden konnte.  Heute arbeite ich mit einem Zahnarzt zusammen, dem ich vertraue. Einem Menschen, der mir bei unseren Terminen freundlich und außerordentlich hilfsbereit begegnet und dessen Praxis ich ohne Angst vor erneuter Verletzung betreten kann.

 Ich könnte mir vorstellen, dass auch er angesichts einer so komplexen und schwierigen Erkrankung, wie die meine es nun einmal ist, oftmals so etwas wie Hilflosigkeit verspürt. Aber falls dies so sein sollte, so gelingt es ihm mit dieser in einer Art und Weise umzugehen, die mich als Patientin nicht zusätzlich belastet und verletzt.

  Ja ich bin mir sicher, auch in einem Gesundheitssystem, das so viele Defizite aufweist wie das unsere, und in dem gerade  Menschen mit seltenen Erkrankungen so oft alleine bleiben, gibt es sie noch. Die fachlich kompetenten und menschlich zugewandten Ärzte, denen es gelingt in ihren Patienten (neben dem Laborbogen) auch noch den Menschen zu sehen.    Ein Dankeschön dafür an alle Ärzte die hierfür ihr Bestes geben!!!!!!!

 Und an alle Patienten die noch auf der Suche sind: „Gebt nicht auf, es lohnt sich so lange Ausschau zu halten bis ihr einen solchen gefunden habt.“

 

 

6 Comments on “Im Schatten des „Wolfes“ leben….ich erinnere mich…

  1. Ein sehr berührender Artikel der mir schon beim Lesen Tränen in die Augen treibt. Wie muss es dann dir als Betroffene gehen, alle Hochachtung wie du damit umgehst. Nur weil man kronisch krank ist, darf man doch nicht behandelt werden wie ein Mensch zweiter Klasse. Ich bin total erschüttert und freue mich für dich, dass du noch einen menschlichen Arzt gefunden hast.
    Ganz liebe Grüße und alles erdenklich Gute.
    Sigrid

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Sigrid,
      ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine einfühlsamen Worte. Es bedeutet mir sehr viel spüren zu dürfen, dass es mir gelingt mit dem was ich schreibe die Menschen zu berühren. Schwere Erkrankungen erzeugen sehr oft ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, nicht nur bei den Betroffenen selbst sondern auch bei den Ärzten. Leider ist es oft so, dass mit diesen Gefühlen nicht gut umgegangen wird und ich weiß von vielen Betroffenen, dass sie ähnliches Verhalten von Seiten ihrer Ärzte zu ertragen haben. Ich wünsche mir, dass sich dies ändert. Dass Ärzte gemeinsam mit ihren Patienten zu einem besseren, menschlicheren Umgang miteinander finden. Einem Umgang der getragen ist von gegenseitiger Achtung und von Respekt. Ich denke nur so kann es gelingen, dass Patienten gesund werden und Ärzte gesund bleiben können. Dafür möchte ich mich einsetzen, dafür schreibe ich.

      Auch Dir von Herzen alles Gute
      Daniela

      Gefällt 1 Person

    • Liebe Carolin,
      ich weiß, dass Du und Deine Familie an dieser Stelle noch sehr viel mehr zu ertragen hattet. Ich empfinde es schon als sehr hart selbst von solchen Missachtungen betroffen zu sein, ich weiß nicht wie und ob ich damit klar kommen würde, wenn es meine Tochter betreffen würde. Du weißt, dass ich Dir und Deiner Familie diesbezüglich meinen allergrößten Respekt entgegen bringe.

      Liebe Grüße
      Daniela

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Carolin,

    ja es entspricht leider der traurigen Realität. Auch ich kenne niemanden der chronisch krank ist, der nicht bereits in irgendeiner Form zusätzliche Verletzungen innerhalb des medizinischen Systems erfahren hätte. Zum Teil habe ich Geschichten gehört/gelesen die regelrecht traumatisierend für die Betroffenen waren. Und auch meine Geschichte hat Narben in meiner Seele hinterlassen, die wohl nie wieder vollständig verheilen werden.

    Die Gründe dafür, dass es immer wieder zu solchen Leidenswegen kommt erscheinen mir mannigfaltig. Zum Einen sind es einfach persönliche Unzulänglichkeiten, also dass jemand nicht in der Lage ist mit Hilflosigkeit umzugehen (wie oben beschrieben) . Zum Anderen sehe ich die Gründe jedoch auch in den strukturellen Begebenheiten unseres Gesundheitswesens, das fast ausschließlich auf Profit ausgerichtet ist und welches den Ärzten kaum mehr Handlungsspielraum für einen menschlichen Umgang mit ihren Patienten lässt.

    Hinzu scheint mir eine eine Art „Allmachtsphantasie“ der Medizin zu kommen, die suggeriert (und den Ärzten auch abverlangt) dass alles machbar und möglich ist. Ein nicht „weiter zu wissen“ wird auf solch einem Hintergrund als Versagen erlebt und nicht selten wird dieses „Versagen“ dann abgewehrt indem der Patient entwertet wird.

    Egal jedoch wo die Gründe zu suchen sind, Misstände müssen thematisiert werden und einem Fehlverhalten (das Patienten zusätzlich schädigt) müssen Grenzen gesetzt werden. Hierzu erscheint es mir in erster Linie wichtig, dass das Schweigen um diese Misstände gebrochen wird, damit gemeinsam mit Ärzten nach Lösungsansätzen gesucht werden kann. Nach Lösungsansätzen die schlussendlich wiederum allen, also Ärzten und Patienten, zugute kommen können.

    Dafür schreibe ich und dafür, so denke ich, hast auch Du geschrieben. Lass uns die Hoffnung nicht aufgeben, dass das was wir zu sagen haben auf offene Ohren trifft und damit zur Veränderung beitragen kann.

    Liebe Grüße
    Daniela

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