Von kLinikbesuchen, Viren und sonstigen kriegen……

Sonntag der 23.11.20

Mein liebes Tagebuch,

ich kann berichten, ich habe sie hinter mir…diese doofe Lumbalpunktion. Und ganz ehrlich, es war kein Hexenwerk und ich bin froh darüber, dass ich ihr im Vorfeld nicht allzu viel Raum gegeben habe.

Es war wirklich kein großes Ding, ich hab mich nicht verlaufen, es war nahezu schmerzfrei und ein netter Arzt war es obendrein. Hat sich sehr menschlich gezeigt, von sich und seiner Rolle als Arzt erzählt und sich rührend viel Mühe gegeben, um mir die Angst zu nehmen….dass ich es trotzdem sehr eilig hatte den Ort des Geschehens zu verlassen…. ich glaube das hat er nicht so ganz verstanden. Aber Ärzte und Krankenhäuser sind mir in der Zwischenzeit nun mal mehr als suspekt und die beste Klinik ist für mich noch immer diejenige, die ich nicht von innen sehen muss. Ich schätze mal, dass sich das auch nicht mehr ändern wird…da können die Ärzte so nett sein wie sie wollen….

Na ja, Du siehst…. die Situation selbst hab ich relativ unbeschadet überstanden, nicht jedoch den Eingriff als solches . Denn schmerzfreie Untersuchung hin oder her, mein „Wolf“ kann es einfach nicht leiden, wenn an mir herum gestochen wird….und so kam es wie es kommen musste, mein „Haustier“ beißt wieder einmal wie wild um sich und versucht sich der Wirkung des Rituxi zu widersetzen…. Man kennt es ja bereits, gleich in der selben Nacht hat es mich geweckt, das doofe Vieh…. Nachtschweiß , Kopf doof, Konzentration doof, Muskeln doof, alles doof……

Tja, es wäre nun wirklich gelogen würde ich behaupten, dass dieser Rückschlag spurlos an mir vorbei gegangen wäre. Diese neurologischen Geschichten , die fehlende Koordination in den Beinen und den Händen machen Angst, sie machen mich wütend und trotzig und zu guter Letzt auch traurig…angesichts der vielen Möglichkeiten, um die ich mich in solchen Momenten betrogen sehe.

Aber manchmal ist es gar nicht so schlecht trotzig zu sein, denn immerhin ist es dieser „dem Wolf zum Trotz – Modus“ der mich immer auch irgendwie weitermachen lässt und so bin ich denn auch gleich wieder losgelaufen…im Schneckentempo zwar und nicht ohne ein wenig zu zetern, aber immerhin losgelaufen….. und siehe da, wie so oft hat mir ein Ausflug an den See den seelischen Richtungswechsel beschert.

Wir waren am Lerchenberg, einer Gedenkstätte für 69 Soldaten die im ersten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Von dort aus hat man einen wunderbaren, ja fast einen majestätischen Blick über den Bodensee. Ein Ort der mich immer wieder berührt , nicht nur der grandiosen Aussicht wegen, sondern eben auch aufgrund der Geschichte die er beherbergt.

Krieg, ein Zustand den ich, den meine Generation nicht kennt. Aber wie war es für die Generationen vor mir? Für meine Eltern? Für meine Großeltern? Wenn ich einen solchen Ort besuche, dann tauchen Erinnerungen in mir auf. An die wenigen Erzählungen meiner Mutter, an Bilder die ich aus der Schule kenne, Bilder die vom Krieg, von menschlicher Not, aber auch von menschlichen Greueltaten erzählen. Bilder die mir so fern waren, die ich emotional kaum begreifen konnte… nicht verstehen konnte, da sie so weit entfernt von meiner eignen , „kleinen“ Welt waren.

Heute ist es ein bisschen anders. Ich weiß , dass dieser Planet nicht sicher ist. Nicht sicher weil zum Leben das Sterben dazu gehört. Und nicht sicher, weil der Mensch eben der Mensch ist. Weil er alles andere ist als unfehlbar. Weil er in der Lage ist aus tiefstem Herzen zu lieben, aber eben auch zum Gegenteil…..

Im Frühjahr diesen Jahres habe ich ein bisschen etwas davon erfahren, wie es sich anfühlt im „Krieg“ zu leben. Wie es ist , sein Leben von allen Seiten bedroht zu wissen. …Nicht von realen Bombeneinschlägen, aber von Krankheit. Von einem versagenden medizinischen System, von einem Virus der (uns allen) das Leben zusätzlich schwer macht und nicht zuletzt auch von menschlichem Versagen, von zerstörerischem menschlichen Verhalten. Seither verstehe ich diese Bilder emotional wohl etwas besser….

Eine Zeit lang hat mich dieses Verstehen vollkommen an meine Grenzen gebracht. Aber nun ist es irgendwie anders. Es scheint als sei es genau dieses Verstehen, das mich paradoxerweise glücklich sein lässt. Welches mich dankbar werden lässt dafür was ich habe, dafür wie mein Leben ist. Ich habe ein (sehr schönes)Dach über dem Kopf, ich bin finanziell abgesichert, ich habe tolle Freunde und ich habe eine Familie die ich liebe und die mich liebt…Viele, viele Menschen auf diesem Planeten haben dies nicht….

Ja, ich schätze mal, ich habe allen Grund glücklich zu sein. Und in der Tat, ich bin es …..ganz, ganz oft!!!!!!

6 Comments on “Von kLinikbesuchen, Viren und sonstigen kriegen……

  1. Liebe Daniela, viele unserer Mitmenschen jammern auf einem hohen Niveau. Klar, vielen scheint die Existenz durch die Coronamaßnahmen wegzubrechen, das ist sicherlich schlimm. Aber wer, wie ich gesund ist, in einer kleinen Stadt in einer herrlichen Umgebung wohnt, hat ja kaum Einschränkungen. Eine meiner Töchter wohnt mit ihren Kindern am Ort. Die andere st leider in einem anderen Bundesland auf einer anderen Insel, das ist schon blöd.
    Aber wir leben in Frieden und das ist ein ganz großes Glück. Meine Eltern, die bei meiner Geburt schon sehr alt waren, haben beide Weltkriege bewusst miterlebt. Als Kind wollte ich nichts vom Krieg hören und jetzt kann ich vieles nicht mehr hinterfragen. Leider.
    Deibe Bilder sind wieder wunderschön. Gut, dass Du Dich aufraffen konntest. Halt die Ohren steif!
    Liebe Grüße Hedwig

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    • Guten Morgen liebe Hedwig, ja …,Du hast vollkommen Recht. Ich glaube auch dass wir als Gesellschaft verlernt haben dankbar zu sein für den Wohlstand den wir haben. Er ist zu selbstverständlich geworden. Ich glaube wäre uns allen immer und zu jeder Zeit bewusst wie zerbrechlich das alles sein kann, wäre der Zusammenhalt und die Chancen, dass alles gut gemeistert werden kann, sehr viel größer. Aber ich glaube wir Menschen sehnen uns so sehr danach glücklich zu sein, dass wir alles was bedrohlich ist zur Seite schieben. Um den Preis, dass wir dabei übersehen was wir haben. Ich weiß auch nicht viel über das was meine Eltern und Großeltern erlebt haben. Aber ich denke so oft, dass ihre Geschichte sie und damit auch mich geprägt haben und es wäre so wichtig zu verstehen….Ich wünsche Dir von Herzen einen schönen Tag und schicke dir liebe Grüße, Daniela

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  2. Diese Stelle kenne ich zu gut! Als Kind war ich fast täglich oben am Ehrendenkmal!
    Meine Mutter wohnt nur ca. 1 km davon entfernt.
    Deine Fotos sind sehr schön Daniela!
    Ich habe MS seit 2004! Ich lebe die Gegenwart ganz bewusst! Die Vergangenheit habe ich zurück gelassen und die Zukunft lasse ich fließen, es kommt wie es kommt!
    Jeder findet seinen ganz eigenen Weg damit umzugehen!
    Ich wünsche Dir alles GUTE!
    Babsi

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir, liebe Babsi und freu mich wenn Dir die Bilder gefallen 😊…Ja, im „ Hier und Jetzt „ zu leben lässt so vieles einfacher werden. Im Grunde die einzige Möglichkeit glücklich zu sein… ob nun mit oder ohne Erkrankung…das ist ja mal ein Ding, dass wir gar nicht weit auseinander sind und uns auf diesem Weg begegnen…ich schicke Dir liebe Grüße, Daniela 😊😘

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