Vom Sinn und Unsinn “guten Aussehens”

Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag, einen sogenannten “runden” Geburtstag. Ja, ich habe es tatsächlich geschafft, ich bin 50 Jahre alt geworden, ich habe ein halbes Jahrhundert erlebt. Oder sollte ich besser sagen überlebt?

Für mich keine Selbstverständlichkeit, gab es in den vergangenen Jahren doch mitunter auch Zeiten, in denen ich mir nicht mehr sicher sein durfte den nächsten Tag, geschweige denn das nächste Jahr noch zu erleben.

Also durchaus ein Tag zum Feiern, dieser “runde” Geburtstag und trotzdem war er nicht (wie vielleicht vermutet) völlig unbeschwert. Nicht frei von Trauer, nicht frei vom Gefühl der Einsamkeit, welche chronisch kranke Menschen in unserer Gesellschaft wohl so häufig erleben.

Sicherlich, es haben mich viele Geburtstagswünsche von lieben Menschen erreicht, über die ich mich auch ausnahmslos und von ganzem Herzen gefreut habe. Wurde mir doch auf diese Art gezeigt, dass ich nicht vergessen bin , dass ich nach wie vor einen Platz in dieser Welt habe.

Ganz oft habe ich an diesem Tag auch freundliche Sätze gehört, wie z.B ” Du hast Dich aber gut gehalten” oder “Man sieht Dir Dein Alter überhaupt nicht an” und immer habe ich brav (wie es sich eben gehört!!!!) geantwortet: “Danke, das freut mich jetzt aber sehr dies zu hören”

Und trotzdem, beim Hören dieser Sätze beschlich mich, neben der durchaus vorhandenen Freude, auch jedesmal ein etwas ungutes Gefühl. Denn war mein scheinbar „gutes Aussehen“ für mich in den vergangenen Jahren denn tatsächlich von Nutzen? Hat es in irgendeiner Hinsicht dazu beigetragen meine Lebensqualität zu verbessern, mir den Umgang mit meiner Erkrankung zu erleichtern?

Oder hat es nicht sogar eher dazu beigetragen, dass das Ausmaß meiner Erkrankung, sowohl von Seiten der Ärzteschaft als auch von Seiten meines Umfeldes oftmals unterschätzt wurde? Hat es nicht vielmehr sogar dazu beigetragen, das Leid der vergangenen Jahre zu vergrößern?

Ich glaube, dass wir Menschen dazu neigen, nur an Dinge zu glauben die wir problemlos und mit bloßem Auge erfassen können. So erscheint es wohl für Außenstehende oftmals fraglich, ob es denn nun sein kann, dass ein Mensch schwer erkrankt ist, obwohl er äußerlich vollkommen gesund erscheint.

Ist es denn möglich, dass sich ein „jugendlich“ wirkender Mensch derartig gebrechlich fühlt, dass er nicht einmal mehr in der Lage ist seinen Alltag bewältigen zu können? Ist es möglich, dass die geistigen Fähigkeiten eines “normal” wirkenden Menschen derartig eingeschränkt sind, dass er sich vollkommen außerstande fühlt in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, am sozialen Leben teilzuhaben?

Ja, es ist möglich. Genau genommen ist dies die Realität vieler Menschen und nicht selten derjenigen, die an einer Kollagenose erkrankt sind. Und ja, es ist auch meine Realität, eine Realität die mich seit vielen Jahren begleitet und die so oft dazu geführt hat, dass mein Zustand, meine Fähigkeiten und Möglichkeiten gänzlich falsch eingeschätzt wurden.

Es ist eine Realität, die dazu geführt hat, dass die so dringend notwendige Behandlung ausgeblieben ist. Eine Realität, die mich oft in Situationen der Überforderung gebracht hat. Eine Realität die dazu geeignet scheint die Isolation, die schwere Erkrankungen ohnehin oftmals mit sich bringen, zusätzlich zu verstärken.

Hätte ich an diesem Tag also einen Wunsch frei gehabt, so hätte ich mir wohl gewünscht , dass die Menschen um mich herum ein Bewusstsein dafür haben, dass die Realität eines Menschen in der Regel mehr ist, als das was mit bloßem Auge zu erkennen ist.

Ich hätte mir gewünscht , dass Menschen bereit sind zuzuhören, dass sie bereit sind sich in meine Welt „hinein zu spüren“, sie gemeinsam mit mir zu betreten.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Menschen um mich herum verstehen, dass es nicht mein vermeintlich „gutes Aussehen“ ist, für das es gilt mich zu beglückwünschen.

Dass es vielmehr gilt sich mit mir gemeinsam darüber zu freuen, dass es mir nach all den Jahren noch immer gelingt, trotz Erkrankung, trotz vieler schlechter Zeiten, trotz vieler Tage voller Schmerzen und seelischen Leids , die Schönheit dieses Planeten mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie erleben wertschätzen und lieben zu können.

Denn diese Fähigkeit ist es, die ich wirklich brauche, um mein Leben auch als chronisch kranker Mensch bestreiten und dabei hin und wieder auch noch ein bisschen glücklich sein zu können.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, ob krank oder gesund , einen wunderbaren Tag sowie die Zeit und die Ruhe ihn mit allen Sinnen genießen zu können.

Eure Daniela

18 Comments on “Vom Sinn und Unsinn “guten Aussehens”

  1. Pingback: Wenn gutes Aussehen zum Nachteil wird. Eine Schilderung zum Nachdenken. – romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

  2. Liebe Daniela,
    danke für diese ehrlichen Worte an dieser besonderen Lebens-Stelle.
    Deine Worte berühren mich und lassen mich aufhorchen, auf das ich selbst auf die von Dir gewünschte Aufmerksamkeit meiner Umwelt gegenüber achte. Danke für den Impuls!
    Jeder von uns hat eine innerliche Wahrnehmung verdient. Die Reduzierung auf das Äußerliche ist ein Makel unserer Zeit.
    Mit Beträgen wie Deinem gerade hier, ist es möglich, dass nicht alles verloren ist.
    In diesem Sinne, danke und herzliche Grüße von Barbara

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    • Liebe Barbara,

      hab ganz herzlichen Dank für Deine lieben Worte. Ja, ich denke auch, in unserer schnellen Zeit geht oft das „Innehalten“ verloren, das benötigt wird den anderen in der „Tiefe“ wahrzunehmen. Ich glaube egal ob krank oder gesund, wir alle sind aufgefordert öfters mal inne zu halten um unseren Mitmenschen mit ehrlichem Interesse und Achtsamkeit begegnen zu können.

      Liebe Grüße, Daniela

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  3. Kann dich gut verstehen, liebe Daniela.
    Ich bin in einer ähnlichen Situation, und auch mich ärgert es masslos, wenn Leute um mich herum sich benehmen nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“
    Man hat nicht krank zu sein.
    Man muss strotzen vor Gesundheit und darf ja kein Sterbenswörtchen darüber fallen lassen, wie es IN einem aussieht.
    Die Oberflächlichkeit der meisten Menschen kotzt mich einfach an, um es milde auszudrücken.

    Dabei hat doch JEDER sein Päckchen zu tragen auf die eine oder andere Art und Weise und jeder weiß auch wie gut es tut, darüber reden zu können/dürfen.

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      • Ja, habe ich erst gestern wieder zu hören gekriegt.
        Ich finds traurig, dass man scheinbar nur noch Sonnenschein-Themen anschneiden darf/soll.

        Und selbst WENN jemand mit dazu beigetragen hat, indem er raucht, trinkt, nur Fast-food isst usw….auch dieser Mensch hat ein Recht darauf angehört und gesehen und ernstgenommen zu werden, wenn er mit dem Schmerz von z.b. Leberkrebs, Lungenkrebs etc. zu kämpfen hat.

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      • Wenn einer durch eine Funsportart zu Schaden kommt, hört man solche Töne nicht. Das ist alles reine Manipulation, damit die Versicherer – seit ihrer Vereinigung mit Banken auf dem Profit-Maximierungs-Trip – sich noch häufiger vor Entschädigungen drücken können. Alle, die diesen Schwachsinn nachplappern, werden das noch am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

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      • Ja, solche Dinge hab ich auch so oft zu hören bekommen. Und noch heute erlebe ich immer wieder Menschen die sich mir gegenüber so äußern.

        Ich denke , auch hier steckt Angst dahinter. Die Schuld für das Leid den Erkrankten geben zu können ist , so denke ich zumindest , ein Mechanismus um die eigene Angst vor dem Thema „Krankheit“ zu mildern. Dahinter steckt vermutlich der Gedanke „wenn ich nur alles richtig mache, dann kann mir so etwas nicht passieren“

        Ein Trugschluss natürlich und egal was schlussendlich dahinter steckt, solche Äußerungen tun sehr weh. Ich würde mir wünschen, dass diese Angst ehrlich ausgedrückt wird , damit kranke Menschen nicht als „Sündenbock“ für diese Ängste herhalten müssen und man gemeinsam Möglichkeiten findet um dieser Angst entgegen zu wirken.

        Liebe Grüße
        Daniela

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    • Liebe Ilanah,

      ich kann Dich so gut verstehen!!!! Ich habe viele Jahre mit einer enormen Wut gekämpft die mir unglaublich zu schaffen gemacht hat und an der ich fast verzweifelt wäre. Und auch heute überfällt sie mich noch oft wenn die Ignoranz, der ich begegne, besonders ausgeprägt ist.

      Eigentlich ist es nur besser geworden weil ich mir heute eher vorstellen kann, dass sich hinter dieser Ignoranz zumeist eine ungeheure Angst und Hilflosigkeit verbirgt.

      Aber genau deshalb ist es so wichtig darüber ins Gespräch zu kommen. Ist es so wichtig den Ärger und die Verletzung zum Ausdruck zu bringen , damit andere Wege gefunden werden können um mit der Ohnmacht, die Erkrankung so oft auslöst, umzugehen.

      Wege die NICHT dazu führen, dass die Betroffenen an den Rand gedrängt und alleine gelassen werden. Wege die Gemeinsamkeit fördern.

      Ich freue mich deshalb sehr über Deine so offenen und ehrlichen Worte. Hab ganz herzlichen Dank dafür und

      liebe Grüße Daniela

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      • Das kommt mir sehr bekannt vor. Bei mir war es auch Wut, die ich empfand, gemischt mit Hilflosigkeit angesichts massiver Ignoranz. Das hat mich auch sehr lang umgetrieben.

        Heute ist es Tagesformabhängig, wie es mir geht, wenn blöde Bemerkungen kommen. Manchmal treibt es mir die Tränen in die Augen, manchmal kann ich gut kontern.

        Ich finde auch, dass Reden hilft, und zwar beiden Seiten.

        Als ich noch als Kinderkrankenschwester arbeitete betreute ich mal ein Kind mit einer Lippen-Kiefern-Gaumenspalte. Die Eltern wohnten in dem kleinen Dorf in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe die Mutter, die bei dem Kind übernachtete, direkt angesprochen und gefragt, ob es nicht sehr schwierig sei, gerade in diesem engen Dorf ein Kind mit einer körperlichen Mißbildung zu haben.
        Sie weinte und erzählte mir, dass alle Leute Anteil an ihrer Schwangerschaft genommen und sich mit ihr gefreut hatten und als das Kind da war und es bekannt wurde, dass es „DAS“ hat, wurde sie von allen gemieden, keiner hat mit ihr geredet, alle haben die Straßenseite gewechselt, wenn man sie von weitem mit dem Kinderwagen sah. Sie war völlig isoliert.

        Das konnte ich gut verstehen, das war dort leider immer so. Ich sagte ihr, dass die Leute Angst und Unsicherheit spürten und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Wegschauen ist das Einzige, was sie kennen.

        Der Mutter hätte es weniger ausgemacht, wenn die Leute erschrocken gewesen wären, aber wenigstens gefragt hätten, was das denn sei. Aber leider kam das von niemanden. Ich fand das unendlich traurig, und ich weiß, dass sie nicht die Einzige ist, die so was erleben muss.

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  4. Liebe Caroline,

    jetzt musste ich erst etwas über Deine Worte nachdenken, ich brauch da manchmal etwas Zeit dafür. Ja, ich denke auch, dass vieles von dem was schnell mal so daher gesagt wird und was unter Umständen sehr verletzend wirken kann der Manipulation von außen geschuldet ist. Ich habe oftmals den Eindruck als gebe es viele Menschen die den Kontakt zu sich selbst verloren haben, die sich selbst fremd geworden sind. Wer den Kontakt zu sich selbst verliert, seine eigene innere Stimme nicht mehr hören kann, ist anfällig für Manipulation von außen. Auf Dauer führt dies jedoch zu einem Leben das in weiten Teilen fremd bestimmt ist und kaum zur Zufriedenheit beiträgt.
    Aber ich bin nicht ohne Hoffnung, ich glaube dass wir etwas entgegen halten können. Ich glaube ,dass wenn wir das was wir denken und fühlen ehrlich nach außen tragen, wenn wir sozusagen „echt“ sind und uns nicht hinter dem was gesellschaftlich erwartet und gewünscht wird verstecken, es gelingen kann andere in ihrem Inneren zu berühren. Meine Hoffnung ist, dass hierdurch ein Stück der so oft vorherrschenden Manipulation einer echten zwischenmenschlichen Begegnung weicht.

    Ich finde dafür lohnt es sich zu kämpfen.

    In diesem Sinne, liebe Grüße
    Daniela

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  5. Liebe Ilanah,

    ja, bei mir ist das auch so. Geht es mir insgesamt nicht gut habe ich auch kaum die Kraft dazu mich nach außen abzugrenzen, dann treffen mich unüberlegte und verletzende Äußerungen besonders hart und ich kann dem dann auch nichts entgegen halten oder aber nur noch mit ohnmächtiger Wut reagieren. Geht es mir gut, dann kann ich auch souverän bleiben, das Gespräch suchen, versöhnlich sein. Aber wer ist schon immer gleich gut drauf?! Es schafft wohl keiner immer und zu jeder Zeit souverän über den Dingen zu stehen.

    Die Geschichte die Du erzählst ist einfach nur schrecklich. Wie viel zusätzliche Leid diese Familie durch das Verhalten der Umgebung erfahren hat, man mag es sich gar nicht vorstellen. Wie gut , dass da wenigstens ein Mensch war der den Mut hatte die Probleme anzusprechen, nicht einfach wegzusehen. Ich denke für diese Frau muss es eine unglaubliche Erleichterung gewesen sein, dem Schmerz Raum geben zu dürfen. Über die Verletzung, die eine solche Ausgrenzung unweigerlich nach sich zieht, weinen zu können.

    Und ja, Du hast leider Recht. Auch ich bin mir sicher, dass es ganz vielen Menschen so geht. Genau deshalb ist es so wichtig das Schweigen über solche Geschehnisse zu brechen.

    Liebe Grüße
    Daniela

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