Der Weg

Wer, all derjenigen von uns, die mit dem „Wolf“, dem „Krebs“ oder mit irgendwelchem sonstigem „Getier“  zu leben haben, kennt sie nicht. Die Frage danach, wie es gelingen kann, mit diesem ganzen „Zoo“ im Gepäck auch nur ein halbwegs normales, soziales Leben zu führen.

Eigentlich bin ich ein sehr offener Mensch. Ein Mensch , der soziale Kontakte genießt und sie in einem gewissen Maße auch braucht, um glücklich sein zu können.

Ich liebe es den Menschen zu begegnen, ihre „Geschichten“ zu hören, mir erzählen zu lassen, was sie tief in ihrem Inneren bewegt. Woran sie Freude haben, was sie begeistert oder auch, was sie schmerzt, was sie wütend macht, worunter sie leiden.

Dementsprechend offen und mit entsprechender Neugierde gehe ich in der Regel auf die Menschen zu, meist (meinem Naturell entsprechend)  gut gelaunt und mit freundlichem Gesicht.

Tja, eigentlich!!!! Denn wie beschrieben verhält sich die Sachlage nur solange es mir gut geht. Ganz anders sieht es aus, wenn der „Wolf“ sich in meinem Körper wieder einmal die Ehre gibt und seine „Bisse“ ein Ausmaß erreichen, das zu ignorieren ich beim besten Willen nicht mehr in der Lage bin.

Lächelnd auf den Nachbarn zugehen, wenn man sich vor Schwäche und Schmerzen kaum mehr auf den Beinen halten kann? Das gestaltet sich schwierig!!! Offenheit und Interesse bewahren, wenn man sich nur allzu bewusst ist, dass der „Wolf“ sich gerade mal wieder im Gehirn tummelt und es erfolgreich zu verhindern weiß, dass die „Geschichte“ die gerade erzählt wird im Kopf auch haften bleibt, dort in irgendeiner Form verstanden und verarbeitet wird? Noch schwieriger!!!

In solchen Momenten wird jeder Versuch, meine ansonsten vorhandene Offenheit aufrecht zu erhalten, geradezu im Keim erstickt.

Das ansonsten aus tiefstem Herzen kommende Lachen, gefriert zur Maske. Die mir für gewöhnlich zu eigene Spontanität, meine Lebendigkeit erstarrt. Jeglicher Versuch meine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Mein „Zoo“ im Körper schafft es, jegliche Form der seelischen Beweglichkeit in mir zum Erliegen zu bringen.

In solchen Momenten finde ich den Schmerz in meinem eigenen Inneren, im Gesicht des anderen wieder. Ich spüre wie der Kontakt bricht, wie mein Gegenüber durch meine Erstarrung irritiert ist. Ich spüre wie mein Gesprächspartner in Reaktion auf mich selbst,  den inneren Rückzug antritt.

Zu den ohnehin bereits vorhandenen  Schmerzen der Erkrankung gesellt sich nun auch noch der Schmerz der Zurückweisung. Weh tut das, wenn sich andere aufgrund der Erkrankung zurückziehen. Ja, sehr weh!!!!

Früher habe ich an dieser Stelle gekämpft, versucht den Abbruch des Kontaktes zu verhindern in dem mich erklärt habe. In dem ich versucht habe, zu vermitteln wie es sich anfühlt mit meiner Erkrankung zu leben, wie sie mich daran hindert mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Nicht selten habe ich regelrecht bis zur „Besinnungslosigkeit“ gekämpft und trotzdem habe ich den Kampf so oft verloren. Habe lediglich in verständnislose, ja ratlose Gesichter geschaut oder schlimmstenfalls  „wohlgemeinte“, jedoch völlig hilflose Ratschläge geerntet,  die mich zudem auch noch „klein“ gemacht haben, da sie die Tatsache , dass ich trotz meiner Behinderung in der Lage bin, mein Leben zu leben, vollkommen  verkannt haben.

Zu einem weiteren Gespräch , zu einem tieferen Kontakt haben diese Kämpfe so gut wie nie geführt. Und trotzdem habe ich nicht aufgegeben.  Habe gekämpft, gekämpft und nochmals gekämpft. Einen vollkommen sinnlosen Krieg gegen mich selbst geführt, nur  um nicht vollständig aus sämtlichen sozialen Bezügen herauszufallen. Gewütet gegen mich selbst, nur um dieses kleine bisschen Anerkennung zu erlangen, meinen sozialen „Status“ zu erhalten.

Ich habe tatsächlich so lange gekämpft, bis auch das letzte bisschen Energie, das mir der „Wolf“  zum Leben gelassen hat, vollständig verbraucht war. Ja, bis ich ich gezwungen war, meine Waffen zu strecken, mir meine Niederlage einzugestehen und die erzwungene Isolation zu akzeptieren.

Heute, da es mir dank der entsprechenden Behandlung besser geht, komme ich zurück ins Leben. Tastend und in sehr kleinen Schritten. Manchmal habe ich etwas Angst, Angst davor der „Neustart“ könnte misslingen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre könnten sich wiederholen. Aber kämpfen werde ich trotzdem nicht mehr.

Noch immer bin ich manchmal versucht mich in ausschweifenden Erklärungen zu verstricken. Und im Grunde genommen sind Erklärungen auch in Ordnung, denn wie auch sonst sollte der andere verstehen können?!  Ich möchte erklären, nach wie vor. Es ist und bleibt mir wichtig, dass andere die Möglichkeit haben die Krankheit zu begreifen und sich auf die Situation einzustellen. Aber „Verstanden werden“, um jeden Preis, „Verstanden werden“ um den Preis meines Selbstverlustes, das muss heute nicht mehr sein.

So absurd es erscheinen mag , und auch wenn ich Lichtjahre davon entfernt  bin eine solche Zeit nochmals erleben zu wollen, etwas habe ich aus dieser grauenhaften Zeit wohl mitgenommen. Die über Jahre hinweg andauernde Isolation hat mir eines „geschenkt“ Die Begegnung mit mir selbst !!!!

Ja, ich bin mir selbst begegnet, fernab von gesellschaftlich erwünschten, mir selbst auferlegten Ansprüchen. Unmaskiert, ja seelisch vollkommen entblößt, sämtlicher Abwehrmechanismen beraubt, dem Schmerz ausgeliefert bis aufs Messer. Und es war verheerend. Aber eines hatte diese ganze fürchterliche Geschichte dennoch für sich : In dieser „Wüste“ der Isolation war ich gezwungen mich genau so zu sehen wie ich bin.

Und dabei habe ich etwas wichtiges gelernt. Mich so zu lieben wie ich bin!!!!!!! Danke dafür!!!!

 

 

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