Von Menschen, Pferden und „Wölfen“

Gestern war der erste wirklich sonnige und warme Tag hier in unserem neuen „Bullerbü-Zuhause“.  Das erste Mal hatten wir die Gelegenheit unseren neuen Garten in aller Ruhe und bis ins kleinste Detail zu inspizieren.

Schön war das, so viele Kleinigkeiten gab es zu entdecken. So viele Pflänzchen, die uns bislang noch unbekannt waren, die sich erst jetzt allmählich unter den ersten warmen Sonnenstrahlen, das Licht der Welt erkämpfen.

So vieles was bereits wunderschön, aber von anderer Hand angelegt wurde und jetzt darauf wartet von uns gepflegt, gehegt und erneut zum Blühen gebracht zu werden.

Bereits Vorhandenes, aber auch so viele neue Möglichkeiten , so unendlich viele kleine Details die verändert werden wollen, so dass ganz allmählich das „Neue“ in das  „Alte“ integriert werden kann.

Das „Neue“ ins „Alte“ und das „Alte“ ins “ Neue“ integrieren, ein schöner Gedanke für einen Neubeginn,  wie ich finde!!! So kann doch jeweils ein bisschen etwas von dem bleiben, was doch eigentlich bereits vergangen ist, was verloren erscheint.

So war es mir gestern irgendwie wichtig, sozusagen als ersten, symbolischen Akt, das alte Stall-Schild von Colleen, meinem wunderbaren Pflege-Pferd, direkt neben der Haustüre anzubringen. Colleen, der wunderbare Quarter-Hengst,  der mich mit seiner  so unglaublich ruhigen Gelassenheit durch schwerste Zeiten hindurch, im wahrsten Sinne des Wortes, getragen hat

Ich erinnere mich an die Jahre, in denen man erfolglos versucht hat eine nicht vorhandene Schilddrüsen- Fehlfunktion zu behandeln. An die Zeit nach der Schilddrüsenektomie und an die dadurch verursachte Stimmbandlähmung. An die, durch die Stoffwechselentgleisungen ausgelösten, epileptischen Anfälle , an die Panikattacken und die Angstzustände. An die depressiven Verstimmungen, an die zunehmende körperliche Schwäche, sowie an die immer geringer werdende  Konzentrationsfähigkeit. Ich erinnere mich an Unruhezustände, Nervenschmerzen  und an die verzweifelten Versuche die Dosis der Medikamente entsprechend anzupassen. Ich erinnere mich an die dadurch immer noch verheerender werdende Symptomatik und, und und… Kurz gesagt, an einen Zustand der in seiner Gesamtheit nicht grausamer hätte sein können, der jedoch weder vom Umfeld verstanden, noch von mir hätte verändert werden können. An einen Zustand,  der mich so sowohl beruflich als auch privat zunehmend ins Abseits befördert hat.

Aber ich erinnere mich eben auch an Colleen. Daran wie sehr ich seine bloße Gegenwart im Stall genossen habe und wie frei ich mich, trotz aller körperlichen Gebrechen, auf seinem Rücken gefühlt habe. Wie ich mich mit seiner Kraft und seiner Stärke identifiziert habe und daraus neuen Lebensmut geschöpft habe.

Und ich erinnere mich, auf seinem Rücken erfahren zu haben,  was es bedeutet vertrauen zu dürfen. Ich erinnere mich, wie wir uns oft den Weg quer durch den Wald gesucht haben, ja wie ich IHN den Weg habe suchen lassen, mitten durch das Gebüsch, fernab von allen ausgetretenen Pfaden,  mitten durchs Unterholz. In diesen Momenten habe ich ein Gespür dafür bekommen, wie es sein kann die Zügel einfach aus der Hand zu geben,  wie es sich anfühlt „loszulassen“ , mich innerlich fallen zu lassen und vollkommen darauf zu vertrauen, dass Colleen  den für ihn (und damit auch für mich)   sichersten Weg durch den dichten Wald schon finden wird. Was für ein Gefühl!!! Ich werde es niemals vergessen.

Ja, so war mein „Coleenchen“. Mein, ach so stolzer,  Quarter – Hengst, der durch nichts aus der Fassung zu bringen war. Mein Fels in der Brandung, mein Rettungsanker in stürmischer See. Ohne ihn? Ich weiß nicht wie ich die Jahre rund um die Schilddrüsen- Operation, mit meinem unerkannten „Wolf“ im Gepäck,  mit all der Ungewissheit, der Angst, der oftmals vorhandenen Hoffnungslosigkeit und der Isolation überstanden hätte.

Trauer und Glück gleichzeitig bedeutet mir diese Erinnerung. Mit ihr gelingt es mir ,ein Stückchen von dem was gewesen ist,  in das „Hier und Jetzt“  zu integrieren. Das Stall -Schild neben unserer Haustür ist wie ein kleines Mosaik-Steinchen der Vergangenheit  in meinem jetzigen Leben. Eine Erinnerung an eine schwierige Zeit, an Angst, Schmerz und Verzweiflung. Aber auch an Kraft Stärke und Überlebenswille.

Ich danke Dir, Colleen, mein geliebter Hengst. Dafür, dass Du mich an Deinem Leben hast teilhaben lassen. Und dafür, dass ich einen Teil meiner Selbst in Dir habe wiederfinden dürfen. Du wirst auf immer einen Platz in meinem Herzen behalten.

 

Epilog: Collen starb im Jahr 2009 an einem ebenso so schönen und sonnigen Frühlingstag wie der gestrige es war.  In hohem Alter und ganz in Frieden auf seiner so sehr geliebten Wiese. Ich danke auch Alex seiner Besitzerin dafür, dass sie Colleen in meine Obhut gegeben hat und mir dadurch diese wunderbare Erfahrung ermöglicht hat.

 

 

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