Mitleid oder Mitgefühl, ein Unterschied?

Im folgenden Beitrag möchte ich mich einem Thema zuwenden, das mich in den vergangenen Jahren sehr oft beschäftigt hat und welches, meinem Eindruck nach, wohl auch viele andere Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung immer wieder zu bewegen scheint.

 

Lese ich mich durch die verschiedenen Selbsthilfeforen hindurch, so fällt immer mir wieder auf, dass von Krankheit oder anderen schweren Schicksalsschlägen betroffene Menschen sich von ihrem Umfeld alles andere wünschen, nur KEIN Mitleid.

 

Ja, und auch mir geht es so. Wann immer ich von meiner Krankheit erzähle, schwingt irgendwo in meinem Innersten die Angst mit, man könne mich für mein Schicksal, für das was mir widerfahren ist, bemitleiden. Und nicht selten ist, im täglichen Umgang mit anderen Menschen, die Angst vor dem Mitleid sogar so groß, dass ich lieber zu meiner Lebenslage schweige oder aber meine Situation in nicht unerheblichem Maße verharmlose.

 

Doch weshalb? Was tut so weh daran, wenn andere Menschen Mitleid zeigen? Warum nur ist es so schmerzlich, wenn andere Menschen „mitleiden“? Zeugt Mitleid denn nicht davon, dass der andere die eigene Notlage zu erkennen vermag, sie verstehen kann? Und hat nicht jeder Mensch, der in irgendeiner Form von Leid betroffen ist, tief in seinem Inneren den Wunsch danach verstanden zu werden, den Wunsch, dass die eigene Notlage erkannt und im Umgang miteinander berücksichtigt wird?

 

Ja, ich für meinen Teil wünsche mir schon, dass meine Situation gesehen und verstanden und im Umgang miteinander auch berücksichtigt wird.

 

Trotzdem möchte ich keinesfalls bemitleidet werden. Mitleid erweckt in mir das Gefühl, als sei mein Leben gescheitert, als sei ICH am Leben gescheitert, da ich seiner Brüchigkeit begegnet bin. Es erzeugt in mir das Gefühl, als sehe mein Gegenüber mich nicht in der Lage mein Leben, mit all den dazu gehörigen Höhen und Tiefen, bewältigen zu können. Es ignoriert sozusagen die mir eigene Fähigkeit meinem Leben auch in seiner Zerbrechlichkeit auf konstruktive und schöpferische Weise begegnen zu können.

 

Hierdurch entsteht in mir das Gefühl eines bestehenden Machtgefälles. Es macht mich zum Hilfsempfänger und mein Gegenüber zu jemandem, dem es vergönnt ist „über der Situation zu stehen“.

 

Insofern verkennt Mitleid unseren gemeinsamen Kern, verkennt das was uns als Menschen schlussendlich alle verbindet. Es verleugnet einen elementaren Teil unserer menschlichen Existenz, indem es sowohl die Verwundbarkeit des Lebens als auch unsere Fähigkeit sinnvolle Antworten darauf finden zu können verschweigt.

 

Auf einem ganz anderen Hintergrund erscheint mir da das Mitgefühl zu entstehen. Mitgefühl erweckt in mir den Anschein als entspringe es aus dem tiefen Wissen meines Gegenübers: „Ich bin wie Du“. Oder anders formuliert: „ Ich bin mir bewusst, dass auch mein Leben verletzlich ist“ „Ich weiß, dass Leben schmerzlich sein kann, aber ich vertraue darauf, dass DU und Ich in der Lage sind, auch die stürmischen Seiten des Lebens bestehen zu können“.

 

Mitgefühl bringt mich und mein Gegenüber damit auf eine gemeinsame Ebene, es bringt uns auf „Augenhöhe“

 

Hier also scheint mir persönlich der Unterscheid zwischen Mitleid und Mitgefühl zu liegen. Mitleid scheint etwas zu sein, was die Menschen voneinander trennt. Es unterscheidet zwischen „betroffen“ und „nicht betroffen“. Es schafft Isolation.

 

Mitgefühl hingegen verbindet. Es verbindet uns Menschen, in dem es unsere Gemeinsamkeiten erkennt und nach Möglichkeiten sucht wie wir den Herausforderungen unserer menschlichen Existenz begegnen können.

 

Hätte ich im Hinblick auf das Thema Mitleid/Mitgefühl also einen Wunsch frei, so würde ich persönlich mir wünschen, dass auch die schwierigen Bereiche unseres Daseins zurück in die gesellschaftliche Mitte geholt werden.

 

Würde mir wünschen, dass die Themen Krankheit, Sterben und Tod enttabuisiert werden damit gemeinsam und zum Wohle aller kreative und schöpferische Wege gefunden werden können, um diesen schwierigen Anteilen unserer Existenz in heilsamer Weise begegnen zu können.

 

8 Comments on “Mitleid oder Mitgefühl, ein Unterschied?

    • Ja, da hast Du sicher recht. Wobei es , so glaube ich zumindest, gar keine so leichte Übung ist die Erlebniswelt eines Menschen zu verstehen, die völlig anders ist als die eigene. Ich glaube das erfordert viel Bereitschaft von beiden Seiten. Zum einen die Bereitschaft des „Außenstehenden“ einzutreten in diese fremde Welt. Zum Anderen jedoch auch die Bereitschaft des „Betroffenen“ denjenigen der „draußen steht“ eintreten zu lassen. Also eine Schwäche zu zugeben. Nicht immer ganz einfach, aber umso schöner wenn es dennoch gelingt.
      Liebe Grüße
      Daniela

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      • Ich stimme Dir prinzipiell zu, bezüglich des „herein lassen“, aber ich habe auch festgestellt, dass damit nicht automatisch auch ein Verständnis einher geht. Ich denke, einfühlsame Menschen „verstehen“ es, einzutreten ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Man muss die garnicht offensichtlich herein lassen. Für mich als „Betroffenen“ habe ich das einige Male so erlebt und dann auch ein mir entgegen gebrachtes Mitgefühl als solches empfinden können. Nur dann sah ich, das mein Defizit keine Schwäche ist. Denn im Gegensatz zu einer wie auch immer gearteten Schwäche, hatte ich dabei nicht die Angst es könnte ausgenutzt werden. Deswegen will ich nicht, und werde es wohl auch nie, einfach nur „stark“ sein. Meine Defizite ausgleichen würde ich hingegen schon gerne. LG

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      • Zunächst einmal vielen Dank für Deinen schönen Kommentar. Ich kann Dir nur in allen Teilen beipflichten. Ja, ich denke auch. Empfindsamen Menschen gelingt es die Welt eines anderen zu betreten ohne mit der Türe ins Haus zu fallen. Dann fällt das „Hereinlassen“ auch nicht schwer und das eigene „Defizit“ wird dann auch nicht als Schwäche, sondern als das was es eben ist (in meinem Fall als Krankheit die mich in vielen Lebensbereichen einschränkt), erlebt.

        Leider habe ich das in den vergangenen Jahren auch sehr oft anders erlebt, so dass es eine Zeit in meinem Leben gab , in der ich mich nach außen immer „stark“ präsentiert habe, meine Verletzlichkeit nicht mehr Preis gegeben habe. Rückblickend war das falsch und für mich auch sehr schwierig, weil es mich isoliert hat und ich mich damit oft auch sehr einsam gefühlt habe.

        Ich glaube genau darin liegt der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid. Mitgefühl erlaubt es die eigene Verwundbarkeit einzugestehen, ohne dass man sich dabei klein und schwach und irgendwie minderwertig fühlt. Mitleid führt dazu, dass Verletzlichkeit, Schmerz und Leid als Schwäche erlebt werden (was es ja eigentlich gar nicht ist) und dass man als Betroffener, als Reaktion darauf, die Türen verschließt.

        Mein „Defizit“ ausgleichen, ja das möchte ich auch. Deshalb versuche ich meine Leben auch trotz meiner Behinderung zu leben. Eben auch Dinge zu tun die mir aufgrund meiner Erkrankung oft sehr schwer fallen. Das ist mir sehr wichtig, weil ich die Verantwortung für mein Leben behalten und nicht an andere abgeben möchte.

        In diesem Sinne, fühl Dich herzlich gegrüßt
        Daniela

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      • Ich kenne das mit dem nach außen stark wirken. So rational und strukturiert, kann kommen was will. Mir wurde das auch angeheftet, selbst in der Klinik dachten das einige und sogar einige Therapeutinnen. Ich denke das liegt daran, dass ich zu einem Teil hinbekommen habe, meine Gefühle auszublenden, was aber sehr kraftraubend ist. Zum anderen war es eine Art Schutzmechanismus, um eben nicht bemitleidet zu werden. Das ging soweit, bis mir auch Mitgefühl, dass mir andere entgegen brachten, mehr als unangenehm war und mich in die Isolation trieb. Das fatale daran ist, andere gewöhnen sich daran, ob man nun stark oder schwach wirkt und sind dann völlig überfordert, wenn man mal das Gegenteil ist. Dann heißt es immer, so kenne ich Dich ja garnicht. Dabei müsste jeder, der mal in sich geht, wissen das man sowohl Schwächen als auch Stärken hat. LG

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  1. Du sprichst mir aus der Seele.

    Ja, ein Teil des „nach außen stark seins“ war auch bei mir darin begründet, dass ich einen Teil meiner Gefühle einfach ausgeblendet habe. Auch ausblenden musste, da ich ansonsten den Kampf um meine Diagnose und damit um die lebensrettende Behandlung nicht hätte austragen können. Ich musste „funktionieren“ um mich in einem Gesundheitssystem durchkämpfen zu können, welches nicht mehr darauf ausgerichtet ist sich mit komplizierten und seltenen Krankheitsbildern auseinander zu setzen.

    Und ja, das ist ausgesprochen kräftezehrend, was ich jetzt nachdem die Diagnose zumindest zum Teil steht und die richtige Behandlung in Wege geleitet wurde, auch sehr deutlich spüre. Ich bin einfach müde und sehr erschöpft.

    Hinzu kommt tatsächlich, dass das Umfeld das nicht gewohnt ist und es mich nun viel Energie kostet mich abzugrenzen, um mir die für die Genesung notwendige Ruhe zu verschaffen.

    Ich glaube das Problem ist mitunter auch ein gesellschaftliches. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft die Systeme hervorgebracht hat, die einfach nicht mehr darauf ausgerichtet sind Menschen in Notsituationen aufzufangen. Schlussendlich mündet dies in einer Überforderung all derjenigen, die (aus welchen Gründen auch immer) in eine Notlage geraten. Daher stammt auch mein Wunsch die Menschen wieder für die Brüchigkeit des Lebens, die uns im Grunde ja alle gleichermaßen betrifft, zu sensibilisieren. Einfach um an dieser Stelle Veränderung zu schaffen.

    Alles Liebe für Dich und vielen Dank für den schönen und so offenen Beitrag
    Daniela

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