Aus der Distanz….

heraus betrachtet, sieht man vieles deutlicher. Zumindest erscheint mir dies gerade so, jetzt wo ich gerade dabei bin, meine Unterlagen für den morgigen Arzt-Termin vorzubereiten.

Eigentlich hatte ich ja vor meine Arzt -Termine zu reduzieren, aber leider reduzieren sich dadurch meine Beschwerden nicht, weshalb ich nun doch beschlossen habe noch einen Anlauf zu nehmen, um mir zumindest eine gewisse Linderung zu verschaffen.

Seit längerem bereits hege ich , aufgrund verschiedener Untersuchungsergebnisse, den Verdacht, dass der jahrelang verschleppte Entzündungsprozess  in Kombination mit der Chemo- Therapie  verschiedene Baustellen nach sich gezogen hat, welche durch weitere Immunsuppression nicht zu beheben sind.

Also , noch einmal Ärmel hoch und los geht`s, zu meinem ehemaligen Rheumatologen, der sich mittlerweile im Rahmen einer Privatpraxis auf eine „ganzheitliche Sichtweise“ der Dinge spezialisiert hat.

Der erste Termin verlief positiv, ich nehme den Eindruck mit nach Hause, dass ich verstanden und das Problem erfasst wurde.

Und neben dem guten Gefühl, dass es hier evtl. Hilfe geben könnte, nehme ich zusätzlich einen riesigen Fragebogen, zur Erfassung meiner Vorgeschichte, mit nach Hause.

Wie ein Stein liegt mir dieser Fragebogen im Magen. Bitte Nicht!!! Nicht wieder Laborbögen durchwühlen. Nicht wieder  Befunde kopieren. Nicht wieder  fieberhaft überlegen müssen, wie ich den nächsten Arztbesuch genau so vorbereiten kann, dass der Arzt, der mir da gegenüber sitzt, (in der Kürze der Zeit!!!!) auch alles was wichtig ist, genau erfassen kann.

Ich schiebe das Ausfüllen des Bogens vor mir her. Ich will nicht hinsehen, halte das  Formblatt tief verborgen in meiner Tasche, um die ich in den nächsten Tagen einen großen Bogen mache. ALLES, mich nur nicht mit den vorliegenden Befunden auseinandersetzen !!!

Aber nun ist es soweit, morgen steht der nächste Termin an und weil ich noch immer die Hoffnung auf Verbesserung nicht aufgegeben habe, setze ich mich pflichtbewusst an den Schreibtisch und beginne mit dem Ausfüllen.

Augen zu und durch, so die Devise!!! Wie so oft in den vergangenen Jahren. Ich bin es gewohnt die Zähne zusammen zu beißen. NICHT hinzuspüren, meine Gefühle vor der Tür der Arztpraxis abzustellen, wegzudrücken damit ich funktionieren kann. Damit ich alles ruhig sachlich, möglichst emotionslos und gut strukturiert darlegen kann. Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit verpacke ich gut, im hintersten Winkel meiner Seele.

Also, komm schon!! Du weißt doch wie es geht, reiß Dich gefälligst zusammen. Mach Deinen Job, arbeite alles ab und bringe es hinter Dich. Und soweit geht ja auch alles ganz gut, so schlimm ist es gar nicht. Um den Punkt „Krankheitsverlauf“ arbeite ich mich sauber drum herum, spare ihn aus bis zum Schluss.

Aber schlussendlich kann ich mich ja dann doch nicht mehr drücken und trotz des unglaublichen Widerstandes, den ich innerlich verspüre, schlage ich einen meiner Ordner mit der Aufschrift “ Befunde“ auf. Und da macht sie sich bezahlt ,  meine jahrelange, disziplinierte Haltung im Umgang mit dem med. System.  Vor mir liegt eine ( 3 Seiten lange!!!!)  Auflistung sämtlicher Befunde, eine Zusammenfassung der vorhandenen Beschwerden sowie eine sorgfältige Auflistung sämtlicher Therapieversuche.

Ein kurzer Blick darauf genügt um zu erkennen, welchen Wahnsinn ich in den vergangenen Jahren durchlaufen habe. Erinnerungsfetzen tauchen auf, innere Bilder von Untersuchungsräumen, Krankenhäusern, Arztgesprächen. Erinnerungen an schmerzvolle, quälende Untersuchungen. Alte Gefühle der Wut der Ohnmacht, der Verzweiflung und des Alleinseins….Sofort schießen mir die Tränen in die Augen, fast unmittelbar berühre ich die tiefe Wunde in mir, welche die Angst vor der  Krankheit, der Marathon durch sämtliche universitären Ambulanzen , die unzähligen Arztbesuche, die mit der  Erkrankung verbundenen Verluste in mir hinterlassen haben.

Ein  Hauch dessen streift mich, was ich alles an Verzweiflung, Angst und Not im Kampf um die richtige Behandlung hintenangestellt habe. Ja, hinten anstellen musste, um in diesem medizinischen System auch nur eine geringe Chance auf angemessene und ausreichende Versorgung zu haben.

Wie ein riesiger Stein, ein riesiger Klumpen aus aufgestautem Schmerz in meinem Inneren fühlt es sich an und mir wird klar, dass hier noch eine ganze Menge Arbeit vor mir liegt bis ich all dies aufgelöst und verarbeitet habe.

Aber immerhin kann ich hinsehen,  Tränen können wieder fließen. Der erste Schritt heraus aus der Erstarrung der vergangenen Monate ist getan.

War es das, was der Arzt meinte, als er sagte ich müsse nicht alles ausfüllen, er habe Verständnis dafür, dass es zu viel auf einmal sei?

Ich weiß es nicht, aber zumindest hat es hat den Anschein als könne da jemand erahnen , welche Spuren der Verwüstung die vergangenen Jahre in mir hinterlassen haben.

 

 

One Comment on “Aus der Distanz….

  1. Liebe Daniela,
    wieder mal standen mir die Tränen in den Augen beim Lesen deines Textes.
    Ja, ich kann das so gut nachvollziehen; auch ich tue mich sehr schwer mit meinen ganzen Unterlagen, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt haben.
    Bei jedem Arztbrief, KH Entlassungsbrief etc. habe ich sofort die dazu gehörigen Bilder im Kopf. Es war ein ständiger Kampf um Verständnis , um Erkennen der Krankheit, mal ein „Sehen über den Tellerrand“ hinaus . Als meine Diagnose endlich nach Jahren gestellt wurde, hätte ich den Arzt fast umarmen können, so erleichtert war ich, dass das „Kind endlich einen Namen“ hatte und auch endlich behandelt werden konnte!!!
    Ja, es gab auch bei mir Gefühle der totalen Verzweiflung. Der Kampf um die Diagnose hat mich sehr verändert. Durch diese ganzen Jahre bis zur Diagnosefindung bin ich wirklich ein anderer Mensch geworden.
    Sitze ich wieder einem neuen Arzt gegenüber, wie heute bei einer neuen Gynäkologin, habe ich immer noch die Angst vor Unverständnis und Unkenntnis, versuche aber auch möglichst sachlich und ruhig über meine Situation zu berichten. Manchmal gelingt es mir besser, manchmal schlechter…..
    Mir hat mal ein wunderbarer Professor gesagt: SIE müssen zum Spezialisten für ihre eigene Erkrankung werden! Es gibt immer noch zu wenig Ärzte, die sich wirklich damit auskennen!
    Und mir hat tatsächlich in einem Krankenhaus mal eine Internistin gesagt: Sie kennen sich mit der Krankheit besser aus als ich!
    Das ist schon ziemlich schlimm, denn wir sind ja wohl in den seltesten Fällen selber Mediziner!
    Du hast es so treffend ausgedrückt:

    „… welche Spuren der Verwüstung die vergangenen Jahre in mir hinterlassen haben.“

    Ich glaube, das kann niemand erahnen, der es nicht selber erlebt hat!
    Liebe Daniela, ich wünsche dir ganz viel Glück bei dem ganzheitlichen Rheumatologen,
    dass er dir wirklich helfen kann!!!
    Eine herzliche Umarmung schicke ich dir wieder mal von Nord nach Süd und ganz liebe Grüße,
    Milka

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