Ruhe vor dem Sturm

Eigentlich war sie gar nicht so schlimm, die Nacht nach der ich plötzlich von einer  „Autoimmunlerin“ zu einer Krebspatientin geworden bin. Ein bisschen unruhig vielleicht.  Wach geworden bin ich schon, ja. Aber das bin ich ja gewohnt. Der „Wolf“, „Mr. Sjögren“ (oder war es vielleicht doch eher das „Schalentier“ !?) , sie lassen mich oft nicht schlafen.

Aber Angst hatte ich irgendwie  keine, zumindest keine große. Da hab ich, weiß Gott, schon schlimmeres erlebt. Und auch am Morgen noch …. alles gut. Eine merkwürdige Gelassenheit, die ich da in mir wahrnehme…wie so oft , wenn  schlimmes über mich herein bricht.

Irgendwie funktioniere ich weiter, arbeite alles ab was es nun zu erledigen gibt. Fast schon mit einem übertriebenen Antrieb, echte Ruhe fühlt sich anders an. Nehme ich mir die Zeit zum Innehalten, spüre ich eine extreme Anspannung. Die Schultern hochgezogen, die Muskeln verkrampft… sich alle Mühe gebend, das was da unter dieser scheinbaren Gelassenheit tief in meinem Inneren verborgen liegt, zurück zu halten.

Anstrengend ist das , soooo extrem anstrengend. Ich sehne mich nach Ruhe und zwar nach echter, wirklicher innerer Ruhe . Aber diese will sich einfach nicht einstellen. Irgendwie ist da nur dieser seltsame Zustand, der sich irgendwie fremd , fast abgetrennt von mir selbst anfühlt.

Irgendwann werde ich müde. Ist es die Krankheit? ist es die Anspannung? Keine Ahnung, es ist mir auch völlig egal. Schlafen will ich , einfach nur schlafen!! Nichts sehen, nichts hören und nichts fühlen. Und schon gleich gar nicht will ich den Papierkram erledigen, der sich da angesichts der vielen Arztbesuche bereits wieder angesammelt hat. Aber ein Weg führt da nicht vorbei , also beginne ich  mit extremen Widerwillen  Artzrechnungen zu sortieren, Überweisungen zu tätigen.

Frust macht sich breit, ich bin wieder mal völlig pleite. Mein ganzes Geld liegt, wie so oft , bei der Krankenkasse.  Die letze Abrechnung wurde noch nicht zurück erstattet. Ein ganzer Haufen neuer Rechnungen liegt schon wieder vor mir.

lch kämpfe mit meinem Handy, die App meiner Krankenversicherung finktioniert nicht, wirft mich wieder mal raus . Mehrfach fange ich von vorne an. Mittlerweile nicht nur die Schultern angezogen, nein ich beiße fast schon gewaltsam die Zähne zusammen.

„Ich habe keinen Bock mehr diesen Mist zu erledigen“ hämmert es in meinem Kopf. Mühsam nur noch kann ich meinen Zorn unterdrücken. Gleich wird es sich Bahn brechen. Und dann passiert es . Ein falsches Wort von meinem Mann und ich fange an zu brüllen. Ich wüte, schreie und tobe. Zunächst auf die Krankenkasse, dann auf das Handy und dann auf Gott und die Welt.

Und dann komme ich an, am Punkt um den es wirklich geht. Ich wüte was das Zeug hält. Auf den Wolf, den Sjögren und auf diesen gottverdammten  Krebs, der sich da nun wohl auch noch in meinem Inneren breit gemacht hat. Scheiß Wolf, Scheiß Krebs ….oder wie auch immer ihr heißen mögt. Wie wird so oft gesagt?  Arschlöcher seid ihr, Ja, genau das seid ihr,  Arschlöcher!!!!…allerdings!!!!!… und was für welche!!!!!

Ihr wollt mir mein Leben nehmen, meine Freude, meine Lebendigkeit?!  Ich sag Euch jetzt mal was “ Ihr könnt mich mal und zwar sowas von“ …“ich tret euch in den Hintern, ihr Vollidioten und zwar solange bis Ruhe im Karton ist . Habt ihr das kapiert?! “ Nichts, aber auch gar nichts von alledem werde ich mir nehmen lassen.  Nicht so schnell und schon gleich gar nicht ohne Gegenwehr, das lasst euch mal gesagt sein!!!!……

So, das war es also was sich hinter dieser geradezu unheimlichen Ruhe verborgen hat. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Wie so oft, wenn sich  schlimmes in meinem  Leben  breit macht. Augenblicklich spüre ich wie ich mich entspanne, wie Ruhe einkehrt . Echte Ruhe…..zumindest jetzt , für diesen Augenblick

 

6 Comments on “Ruhe vor dem Sturm

  1. Liebe Daniela, deine Zeilen habe ich gerade gelesen, so etwas habe ich befürchtet. Es ist nicht leicht mit so ein Los umzugehen. Ich wünsche dir viel Kraft und Gelassenheit. Ich bin mir sicher, dass Du alles meistern wird. Du hast schon so eine lange Krankheitsgeschichte, nun steht eine Diagnose an die viele deine Leiden erklärt. Du kämpfst schon so lang, wurde offenbar nicht richtig behandelt, nun hast Du die Chance endlich die richtige Behandlung zu erhalten, eine Behandlung die nicht unbedingt zur Heilung führen wird aber die sicherlich ein Stück Lebensqualität dir geben wird.

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    • Lieber Jean, ich danke Dir für Deine tröstenden Worte und für Deine Anteilnahme. Ich weiß wie sehr sie von Herzen kommen. Mir geht es schon wieder sehr viel besser. Heute Nachmittag waren wir am See und ich habe das schöne Wetter und dazu einen Chai Latte in vollen Zügen genossen. Heftige Gefühle im Zusammenhang mit der Erkrankung sind mir nicht fremd und ich denke sehr viele Menschen , die ähnliches durchzumachen haben, erleben ähnliches. Nur darf darüber leider oftmals nicht gesprochen werden, da die Heftigkeit des emotionalen Lebens, das von schwerer Erkrankung ausgelöst wird, für das Umfeld leider sehr schwer zu ertragen ist. Müssen diese Gefühle jedoch unterdrückt werden , entsteht für die Betroffenen Isolation und Einsamkeit. Konstruktive Lösungen können nicht gefunden werden. Ein Zustand der weder für die Betroffenen selbst, noch für das Umfeld auf Dauer gut ist. Deshalb schreibe ich darüber was ich erlebe, um das schweigen zu brechen und um dieses Tabu zurück in die gesellschaftliche Mitte zu bringen…..Ich weiß, dass auch Du gerade eine schwere Zeit durchläufst und umarme dich deshalb nun einfach herzlichst aus der Ferne
      Daniela

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  2. Liebe Daniela,
    ich kann dich so gut verstehen! Ähnlich ging es mir mit der Diagnose meines Mannes.
    Erst kam die Angst, dann die Wut, dann der Kampfgeist und mit jeder weiteren Operation und Behandlung auch wieder ein bisschen die Hoffnung und die Ruhe.
    Ich glaube, jeder in dieser Situation durchlebt verschiedene Phasen…..
    „Life is a roller coaster every day!“ Und in schlimmen Krankheitszeiten vielleicht besonders.
    Meine Liebe, ich wünsche dir ganz viel Kraft und positive Energie um es mit diesem blöden Schalentier aufzunehmen und auch dass der Lupus dir die nötige Energie dazu lässt!!!!!
    Eine ganz liebe Umarmung von Nord nach Süd schicke ich dir,
    Milka ( die ganz viel an dich denkt!)

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    • Liebe Milka,
      ja, so ist es…eigentlich sind mir diese Gefühle, diese Phasen ja nicht neu. Ich durchlebe sie seit vielen Jahren immer wieder ….. Mit jedem Schub, mit jeder neuen (Verdachts?!) Diagnose, mit jeder Behandlung die nicht greift, immer und immer wieder ……und ich bin fest davon überzeugt, dass nicht nur wir diese Gefühle durchleben, ich denke alle Menschen die mit schweren Erkrankungen….überhaupt Menschen, die mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben, kennen die Wucht, mit der die Gefühlsebene , angesichts schlechter Nachrichten, durcheinander gerüttelt werden kann…. es wird nur so oft nicht darüber gesprochen. Es wird erwartet, dass alles immer gut und ohne seelische Erschütterung ertragen wird. Aber so ist das nicht. Leider nicht!!!!! Ich wünsche mir deshalb, dass dieses Thema wieder öffentlicher wird, damit es integriert werden kann. Dass es gesellschaftsfähig wird , damit Menschen mit schweren Erkrankungen nicht mehr so sehr an den Rand gedrängt werden. Dafür schreibe ich, dafür und um selbst besser verarbeiten zu können.

      Ich denke auch ganz, ganz viel an Dich, ich wünschte es wäre mir möglich immer alles was ich fühle in Worte zu fassen. Da mir dies aber leider nicht möglich ist schicke ich Dir jetzt einfach eine stille Umarmung, diese dafür aber von ganzem Herzen.
      Deine Daniela

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  3. Ich halte Dich fest aus der Entfernung. 💗 Auch wenn wir uns gar nicht kennen, sind meine Gedanken und Gefühle bei Dir. — Eine Diagnose zu haben mag gut sein, ich selber weiß sehr genau, wie „beruhigend“ das für einen Moment wirken kann. Der Sturm aber wird weiter in Dir toben. Lass ihn raus und schluck‘ nichts runter! Wut ist oftmals das, was am Leben erhält. Wer keine Wut gegenüber seines eigenen Leidens empfinden kann, hat schon aufgegeben. Es ist sehr gut, das Du Dich zornig fühlst, und auch, das Du vorher schon wusstest, das da „noch was nachkommt“, nach dieser Pseudo-Ruhe.

    Unfassbar, das Dir dieses Schicksal nicht erspart geblieben ist, und Du hast mein Mitgefühl. Ich wünschte, ich würde die richtigen Worte finden… Es trifft mich hart zu erfahren, das Dein Leiden eine so drastische Wendung nimmt – oder wohl eher einen noch größeren Einschnitt erfahren muss. Bleib stark, egal wie schwach Du Dich fühlst. Sicher sind das nur Worte. Ich sende sie Dir dennoch von Herzen! Alles Gute und viel Kraft für diesen schweren Weg! 💖

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    • Liebe Soda, ich danke Dir sehr für Deine lieben und so ermutigenden Worte. Ja, eine Diagnose ist gut und wichtig . Wie schrecklich der Weg dorthin sein kann, habe ich über viele Jahre erfahren. Und dennoch, auch das was danach kommt will und muss verarbeitet sein. Es mag seltsam klingen , aber etwas hat mir der lange Weg bis zur Diagnose und der „Sjögren- Wolf“ mit seinen „Beiss-Orgien“ , so schmerzhaft das alles auch gewesen sein mag, auch geschenkt. Die Fähigkeit durch Krisen hindurchzugehen. Tief in meinem Herzen trage ich die Gewissheit, dass es immer irgendwie ein Licht am Ende des Tunnels gibt, auch dann noch, wenn die Wellen haushoch über mir zusammenschlagen……Noch liegt einiges vor mir..ein CT, danach die Therapie und der Weg bis zur Akzeptanz, dass nun auch noch ein „Schalentier“ mit im Boot ist. Aber heute wurde in der Magenspiegelung schon mal festgestellt, dass makroskopisch dort nichts zu sehen ist …..da ist schon mal ein guter Anfang….Und Marginalzonenlymphome haben insgesamt wohl sehr gute Prognosen. . Insofern darf ich sicherlich zuversichtlich sein und für den Moment bin ich es auch. Auch Dir weiterhin ganz viel Kraft, denn Du hast ja nicht weniger an Deiner Situation zu tragen , als ich.
      Ganz liebe Grüße sendet Dir, Daniela

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