Rocky

Ich erinnere mich, es ist November 2012. Ich befinde mich in den letzten Zügen meines Arbeitslebens. Eigentlich kann man diese Situation schon gar nicht mehr „Arbeitsleben“ nennen. Vielmehr gleicht sie einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes, denn meine gesundheitliche Verfassung ist derartig schlecht, dass ich es mir morgens in der Früh kaum mehr vorstellen kann, wie ich es die Treppe hinauf bis zu meinem Büro im zweiten Stock schaffen soll.

Ich zittere, mir ist übel, ich habe Schmerzen und ich fühle mich unendlich schwach. Bereits eine halbe Stunde nach der morgendlichen Dusche bin ich, für jedermann sichtbar, vollkommen durchgeschwitzt. Und das Schlimmste?! Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, manchmal sogar noch nicht einmal mehr orientieren.

Für jede Stellungnahme, die ich fürs Gericht zu schreiben habe, benötige ich die doppelte Zeit. Ohne dass ich unsere Sekretärin Korrektur lesen lasse, traue ich mich nicht mehr meine Berichte in den Postausgang zu legen.Der Anrufbeantworter ist ständig eingeschaltet, spontan Telefonate entgegen zu nehmen ist mir nicht mehr möglich. Ich muss günstige Augenblicke abwarten um telefonieren zu können, muss alles daransetzen, um mich auf eine bestimmte Sachlage konzentrieren zu können.

Zumeist mit mäßigem Erfolg, es kostet mich Mühe und unendlich viel Kraft meinen schlechten Zustand zu vertuschen. Rückblickend vermutlich ohnehin ohne jeglichen Erfolg!!!!

Neben mir auf meinen Ledermantel gebettet, liegt mein schwer kranker Hund, ich weiß nicht wie ich es geschafft habe, aber irgendwie habe ich ihn auf meinen Armen die Treppe hinauf getragen. Niemals hätte ich ihn alleine zuhause zurückgelassen, meinen einzigen Verbündeten zu diesem Zeitpunkt. Den Kontakt zu meinen Arbeitskollegen hatte ich längst verloren. Denn wie will man eine Erkrankung erklären die angeblich keine ist? Wie will man Außenstehenden einen Zustand vermitteln, den man selbst nicht begreift? Und wie erst will man als Außenstehender einen solchen Zustand verstehen?

Für gemeinsame Kaffeepausen war ohnehin schon lange keine Kraft mehr übrig, denn dann hätte ich den Gesprächen mit meinen Klienten nicht mehr Stand gehalten. Wie ich dies überhaupt geschafft habe vermag ich heute nicht mehr zu sagen.

Noch heute halt mir folgender Satz im Ohr.

“Ich sehe, dass es Ihnen nicht gut geht, wir sehen uns nächste Woche wieder“ so höre ich mich in meiner Erinnerung zu meinen Klienten sagen…Und ich erinnere mich wie ich gedacht habe : „Wenn ich es schaffe nächste Woche noch hier zu sein“…

 

Epilog:

einen Monat später habe ich meinen treuesten Freund und Begleiter jener Zeit auf seine letzte Reise über die Regenbogen-Brücke begleitet…

An diesem Tag habe ich erstmalig verstanden, dass der Tod keine abstrakte Größe sondern vielmehr eine bittere Realität darstellt. Eine reale Bedrohung nicht nur für meinen kleinen Freund , Nein!!! Auch für mich. An diesem Tag bin ich gesprungen.  Ohne Netz, ohne Diagnose, ohne ärztliche Hilfe, ohne finanziell abgesichert zu sein, ohne zu wissen wie es weiter gehen soll.  Ab diesem Tag habe ich nicht mehr gearbeitet. Ab diesem Tag habe ich  begonnen zu kämpfen. Für mich, für meine Lieben , für mein Leben…und gegen den „Wolf“

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