Eisiger Wind

So tapfer kämpft er an, der Frühling, gegen den nach wie vor eisigen Wind, der hier in den vergangenen Tagen über das Tal hinweg fegt. Überall recken die Bäume hartnäckig ihre Knospen dem Himmel entgegen, kämpfen die Blüten gegen den nächtlichen Frost, ganz allmählich und zaghaft gehen die ersten Bienen und Hummeln ihrer Arbeit nach.  Bei genauerem Hinschauen erwacht überall in den Beeten  das neue Leben, es kreucht und fleucht in den Wiesen, im Geäst. Ja, die Natur lässt sich in keinster Weise beeindrucken, von der Angst und dem Schrecken den die Pandemie verbreitet, von all dem Leid, das diese bereits über so viele von uns gebracht hat….

Manchmal bekomme ich es innerlich fast nicht überein, was da geschieht. Bin ich draußen im Freien,  so spüre ich diesen tiefen Frieden, der von der Natur ausgeht. Von diesem Leben, das so unbeeindruckt fortfährt, als sei nichts, aber auch gar nichts  geschehen. Fast gar unheimlich, ja erschreckend fühlt sich das an, angesichts der Tatsache, dass die Situation für so viele von uns doch alles andere, nur nicht mehr  friedlich ist.

Nein , friedlich stellt sich die Situation auch für mich nicht dar. Für mich nicht und auch für meine Familie nicht. Wir haben Angst, in manchen Momenten sogar große Angst, den nüchtern betrachtet ist der Zug abgefahren, die Chance auf angemessene Behandlung verpasst, die Zukunft auf völlig unabsehbare Zeit ungewiss….

Und trotzdem, aufgeben ist keine Option, darf nicht sein. Irgendwie muss es weiter gehen, zumindest muss weiterhin der Versuch unternommen werden, doch noch irgendwie an Hilfe zu gelangen.

Mein Hausarzt hat in der Zwischenzeit nochmals mit der Onkologin aus der Uni-Klinik telefoniert. Eine Behandlungsindikation, so hieß es nun plötzlich, werde durchaus gesehen. Allerdings werde das Risiko, welches angesichts der Pandemie mit der Behandlung einhergehe, nun als zu hoch eingestuft…. Ja, ich verstehe diese Befürchtungen…einerseits….und anderseits eben auch wieder nicht.

Es versteht sich von selbst, erwischen sollte mich der Virus nicht, denn dann habe ich schlechte Karten….auch jetzt schon!! Ohne Behandlung. Und mein Zustand wird sich nicht verbessern, angesichts der unzureichenden Behandlung eher zunehmend  verschlechtern. Und das Cortison?! Das macht die Lage auch nicht besser. Und die Pandemie?!…Nein, diese wird sich in absehbarer Zeit ganz gewiss nicht verabschieden. Ganz im Gegenteil, sie wird eher dafür sorgen, dass sich das Risiko einer Infektion weiterhin vergrößern wird.

Ja, es ist wie die Wahl zwischen Pest der Cholera. Ich brauche dringend eine neutrale Zweitmeinung, eine die unabhängig von meinem bisherigen Onkologen ist. Also ein weiteres Mal Unterlagen zusammengestellt, an das nächstgelegene Lymphomzentrum übersandt und sofort einen Termin für kommenden Donnerstag erhalten. So schnell?! Ich bin mir nicht sicher, ob der dort zuständige Arzt überhaupt Gelegenheit hatte sich die Unterlagen anzuschauen. Ein unnötiges Risiko mich bei einem Arztbesuch zu infizieren möchte ich nicht eingehen. Also nochmal anrufen, wieder abwarten…warten bis der Arzt Gelegenheit findet zurück zu rufen.

Nein…. ich soll zunächst zuhause bleiben, so das Ergebnis des Telefonats. Der Onkologe  möchte die Unterlagen zunächst noch einmal genau sichten, ist sich nicht sicher ob er  am Zug ist, da nicht geklärt ist, ob das Lymphom derzeit aktiv ist. Ja, genau…dies ist nicht geklärt!!!! Die Kontrolle, die weitere Abklärung der Ungereimtheiten in den Befunden, sie  ist ausgeblieben, seit  über einem halben Jahr. Trotz mehrfacher Hinweise auf die Versäumnisse , trotz der immer weiter fortschreitenden Verschlechterung meiner Verfassung….

Ich kann es einfach nicht fassen, immer deutlicher wird was geschehen ist. Immer mehr wird sichtbar, wie sehr man mich im Stich gelassen hat., wie sehr man mich verraten hat….als erste Reaktion empfinde ich nur noch Wut, ohnmächtige Wut…ohne auch nur den  Funken einer Ahnung zu haben, wohin  hin ich soll, mit dieser Wut….sie hilft mir nicht mehr, sie findet keine Lösungen mehr.  Denn eines ist gewiss, von medizinischen Daten und Fakten, von gewissenhaftem medizinischen Vorgehen, ist Hilfe nun nicht mehr abhängig. Hierfür lässt die Situation keinen Raum mehr…..für niemanden…Zu groß der Stress bei allen Beteiligten, zu ungewiss die Situation. Alles was jetzt noch helfen kann ist ein kleines Wunder….

Ich weiß!!! Ich muss loslassen, den Kopf ausschalten, geschehen lassen. Menschliche Unzulänglichkeit akzeptieren, verzeihen. „Und vergieb uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“….Erinnerungen an Gebete aus frühen Kindertagen tauchen in meinem Bewusstsein auf. Zum damaligen Zeitpunkt für mich vollkommen leer, sinnlos und unverständlich , gewinnen sie heute plötzlich an Bedeutung….Ich verstehe, werde ruhiger…unfassbar!!!!!

Ja, noch lebe ich, noch halte auch ich der eisigen Kälte der Situation stand, warte auf den Frühling der da nicht müde wird, gegen den Winter anzukämpfen.

 

Epilog:

Irgendwie gelingt es meinem Mann der Mitarbeiterin beim Nachfolger meines niedergelassenen Pneumologen die Dringlichkeit der Situation deutlich zu machen.  Der für den Mai vorgesehene Termin wird auf morgen Vormittag vorverlegt…Ob mich dieser weiterbringt? Ich hab keine  Ahnung…..ich hoffe auf  das besagte, kleine Wunder……                      

4 Comments on “Eisiger Wind

    • Liebe Hedwig, es hat geholfen. Es tut der Seele gut….Danke dafür 😘😊was das Gespräch mit dem Arzt anbelangt, so ging es eher ins Leere. Er war sehr freundlich bis er die Komplexität der Angelegenheit verstanden hat…da hat er ganz offensichtlich große Angst bekommen und seine ganzen Bemühungen waren nur noch ausschließlich darauf ausgerichtet mir klar zu machen, dass er sich nicht zuständig fühlt …Nur gut, dass meine Erwartungen nicht so hoch waren, insofern hat es mich nicht ganz so sehr getroffen…😞😌Alles Liebe Dir ❤️Daniela

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  1. Ach…. Daniela…..was soll man da noch sagen/schreiben….
    Du weißt, wie sehr ich jedes Mal wieder mit dir hoffe….und dann immer wieder diese Enttäuschungen, es ist unmenschlich und regelrecht grausam, was du mitmachen musst….
    Ich umarme dich ganz fest und bin – wieder mal- ohne hilfreiche Worte, einfach fassungslos….
    Milka

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    • Ja, liebe Milka….ich weiß, dass Du in Gedanken mit mir bist und ja, es ist wirklich grausam….aber ich denke ich bin nicht die einzige der es so ergeht….ich weiß nicht wann die Menschheit versteht, dass jedes Leben kostbar ist….ich hoffe Dir geht’s den Umständen entsprechend gut?!…Ich schicke Dir eine ganz warme Umarmung ❤️💕❤️bis bald, Daniela

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