Wandel

Wir haben Angst vor dem Tod, wir haben Angst vor der Trennung, wir haben Angst vor dem Nichts. Wenn wir aber tief schauen, erkennen wir den unaufhörlichen Wandel der Dinge und verlieren allmählich unsere Angst.

-Thich Nhat Hanh-

Als ich heute früh bei meinen Eltern eingetroffen bin hat sich mir ein Bild des Friedens dargeboten. Ich möchte nichts beschönigen, denn weiß Gott, es ist nicht immer so. Demenz in all ihren Erscheinungsformen ist eine grausame Erkrankung. Der sukzessive Verlust der eigenen Identität, der zunehmende körperliche Verfall ist schwer zu ertragen. Für die Betroffenen selbst ebenso sehr wie für das Umfeld und bei weitem nicht immer verläuft dieses Ertragen, harmonisch, leise, ohne Schmerz…

Aber heute, heute war es gut. Als ich angekommen bin saß unsere liebe Marga, bei meinem Vater im Zimmer und gemeinsam haben sie eine Sportübertragung im Fernsehen angesehen. Zufriedenheit mit der Situation, wie sie in diesem Moment gerade war…ja, das hab ich in beiden Gesichtern gelesen, die Gemeinschaft, ihr Miteinander wahrgenommen.

Für mich ein echter Glücksmoment, weiß ich doch wie schwer es alle Beteiligten hier im Haus oftmals haben. So oft kann ich die Anspannung, die Trauer, den Schmerz in ihren Augen sehen. Und nicht selten auch den mehr oder weniger unterdrückten Ärger, der den Wunsch beinhaltet, all das Leid nicht mehr ertragen zu müssen. Ärger der oftmals nur schwer zurückgehalten werden kann, der andere Wege braucht, der das Gespräch sucht, um sich entladen und in Trauer verwandeln zu können.

Und dennoch ist es immer wieder auch schön, das Miteinander erleben zu dürfen. Die Tatkraft, die unsere Helferinnen hier an den Tag legen, erfahren zu dürfen. Immer wieder bin ich tief berührt angesichts der Hilfsbereitschaft, die sie uns entgegen bringen, von der Freundlichkeit und der Wärme die sie uns schenken, auch wenn das Leben und die Arbeit hier bei uns hart und voller Entbehrungen für sie ist. Hart, nicht nur weil die Pflege eines schwerkranken Menschen seelische und körperliche Schwerstarbeit bedeutet, sondern auch weil sie zudem fernab von ihren Lieben, in einem fremden Land, ohne die Sprache ausreichend zu verstehen, weit entfernt von ihrem eigenen Zuhause, ihrem eigenen Leben sind.

Ja, ich genieße es mit dem obligatorischen „Willst Du einen Kaffee“ von Marga begrüßt zu werden. Freue mich über das „Hoi, bischt Du au Do“ von Seiten meines Vaters. Auch dann noch, wenn es bereits das Dritte ist, da er die ersten beiden Begrüßungen bereits wieder vergessen hat, weil mir schmerzlich bewusst ist, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem er auch mich vergessen haben wird. Und ich bin froh zu sehen, dass meine Mutter ausreichend Entlastung erfährt, um im Sessel zu sitzen und sich erholen zu können.

In solchen Momenten bin ich dankbar, dass wir den Schrecken der Erkrankung, auch wenn wir ihn nicht ungeschehen machen können, zumindest miteinander teilen können.

Dann sitze ich auf unseren frisch gestrichenen Gartenstühlen, auf der neuen Holzterrasse, trinke den Kaffee den Marga mir in die Hand gedrückt hat und spüre, der Schwere der Situation zum Trotz, tatsächlich so etwas wie Zufriedenheit.

Epilog:

Der Garten hat während der vielen Jahre meiner Abwesenheit andere Formen angenommen, und er wird sich auch jetzt wieder verändern. Manchmal tut es weh, Veränderungen vorzunehmen, sie zuzulassen. Aber wenn ich hier sitze, dann tauchen plötzlich Erinnerungen an längst vergangene Tage auf, vermischen sich wie Glitzersteine mit dem „Hier und Jetzt“ , werfen ein ganz besonderes Licht auf diesen Ort, der mir so vertraut ist. Dann sehe ich mich gemeinsam mit meiner Großmutter im Gemüsegarten, der sich früher am selben Platz befand wie nun unsere neue Holzterrasse. Ich sehe, wie ich mit Begeisterung gemeinsam mit ihr Erbsen und Bohnen aus den getrockneten Hülsen zupfe, spüre die Sonnenstrahlen von damals heute auf meiner Haut.

Fast scheinen die Grenzen zwischen Raum und Zeit für einen Moment zu verwischen…ich bin zuhause …im „Hier und Jetzt“ …..in mir!!!!

7 Comments on “Wandel

    • Ja, das stimmt, lieber Reiner. Diese Momente sind flüchtig. Zu finden sind sie für mich in der Akzeptanz dafür , dass nichts bleibt wie es ist, eben im Wandel ist und damit tatsächlich auch losgelöst von irdischen Dingen. Hab einen schönen Tag und liebe Grüße zurück zu Dir, Daniela 😊🙋‍♀️

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  1. Im Schmerz und in der Trauer war es auch für mich (uns) tröstlich – für den Zusammenhalt der Familie evtl. entscheidend? – unsere Gefühle miteinander teilen zu können. Ich bevorzuge ja Veränderungen – solange der Stamm bleibt -, habe ich doch seit frühester Kindheit das Gefühl und die Erfahrung, dass ich immer wieder alles verlieren werde, loslassen muss. Geht nie ganz ohne Verluste, aber vielleicht kann ich es so wenigstens selbst bestimmen.
    Die vor mir stehenden beflügeln auch gerade extrem meine Erinnerungen und deine Beschreibung der Szene mit deiner Großmutter hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Wie oft rufe ich sie an als meinen guten Geist, wenn ich nicht weiter weiß, manchmal auch nicht will.

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    • Ja, es ist elementar wichtig, dass Gefühle in schwierigen, belastenden Situationen geteilt werden. Ich glaube nur so ist es möglich in Zerreißproben die Beziehungen zu erhalten, mit dem Gewinn dass sie nach bestandener Krise tiefer und fester sind als zuvor…so zumindest erlebe ich das gerade. Was die Veränderungen anbelangt ist es ja so, dass das ganze Leben im Grunde ja ständig im Wandel ist, mal mehr und mal weniger heftig und wohl dem, der das Loslassen gelernt hat und vermag auf den Wellen zu tanzen. Und ja, weiß Gott , es ist gut diesen festen Stamm zu haben und den Schmerz, den es sicherlich bereitet Teile davon zu verlieren möchte ich mir gar nicht erst vorstellen…aber bestimmen wann und wo wir Verluste erleben können wir glaube ich nicht. Mir hilft in der Zwischenzeit, wenn ich das Gefühl habe nicht mehr weiter zu können ( und das kommt aufgrund meiner Situation nicht gerade selten vor) eher die Besinnung darauf, dass ich ohnehin keine Kontrolle über die Situation habe. Wenn mir das klar wird spüre ich mein tiefstes Innerstes, eine Instanz die alles was ich jemals erfahren hab beinhaltet, aber irgendwie noch viel weiter darüber hinaus, noch tiefer geht. Und dann werde ich ganz ruhig.Ich finde das ist sehr schwer zu beschreiben und leider ist diese Erfahrung im Alltag auch nicht immer gegenwärtig, aber ich weiß dass es sie gibt…und sie ist es letztlich, die mich Verluste ertragen lässt, die es mir möglich macht weiterzugehen, auch dann noch wenn ich das Gefühl hab, dass mein Leben ( wieder einmal!!!) in alle Einzelteile zerbricht…merkwürdig, ich hab jetzt echt eine ganze Weile drüber nachgedacht, bis ich geantwortet hab..aber andere Worte , die vielleicht besser erklären würden was ich meine hab ich irgendwie nicht…🤔

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      • So, jetzt habe ich auch länger nachgedacht. Ich verstehe, was du sagst und wir sind nicht wirklich weit auseinander. Es geht mir nicht um Kontrolle über Verluste, da überlasse ich mich auch ganz der Natur als anerkannte Instanz. Ich bestimme manchmal nur über den Zeitpunkt einer bewussten Veränderung bzw. bereite mich in Gedanken auf Verluste vor, um nicht so grausam überrascht zu werden. Dann akzeptiere ich auch sämtliche Folgen für mich, auch die unvorhersehbaren. Dass da etwas viel Gößeres über mir ist, von dem ich ein kleines Teilchen bin, sorgt auch bei mir für diese tiefe Ruhe und – ja – und auch Hoffnung.

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      • Ja, das tu ich natürlich auch. Alles andere würde ja bedeuten die Verantwortung für das Leben abzugeben, sich in einer Art Opferrolle zu sehen…das hab ich natürlich mitnichten gemeint. Martin Buber sagte wohl einmal „Gott ruft und der Mensch antwortet „ . Ich glaube das trifft es ziemlich auf den Punkt, wenngleich ich Gott nicht als personales Wesen sehe, eher als eine Art Ursubstanz, aus der jegliche Form des Lebens hervorgeht…aber da wird’s jetzt wirklich philosophisch😂😉…es gibt ja auch keinen Ausdruck dafür…auf jeden Fall denke ich auch, dass wir im Grunde dasselbe meinen 😊

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  2. Pingback: Wandel — Naturgeflüster – romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

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