ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nichts Besonderes, oder?! Wir alle tun es, zumeist sogar mehrmals täglich. Naja, sagen wir einmal, die meisten tun es. Für mich jedoch stellt es eher eine Ausnahme dar….
So richtig bewusst geworden ist mir das gestern. Da hat mich nämlich eine liebe Bekannte angerufen, einfach so. Weil sie Unterstützung in Sachen „ Hilfe für Fellnasen“ gebraucht hat und sich wohl noch aus früheren Zeiten daran erinnern konnte, dass sie diesbezüglich bei mir immer an der richtigen Adresse ist.
Ein Anruf, von einer lieben Bekannten?! Am Freitag Abend?! Schön war das😊 Es hatte sowas von „ganz normalem Leben“. So etwas von: „Ich bin auch noch mit dabei“. Ein tolles Gefühl, wie ich finde😃Und vor allen Dingen eines, das ich schon sehr lange so nicht mehr erlebt habe.
Für gewöhnlich rufen hier bei mir nämlich nur noch sage und schreibe 3 Personen ganz spontan an…Meine Eltern und mein Bruder. Alle anderen treten zunächst eher über WhatsApp oder sonstige soziale Medien mit mir in Kontakt. In der Regel erstmal zaghaft vorfühlend, ob meine Kräfte mir denn gerade ein Telefonat erlauben.
Ja, es ist nicht einfach auf eine solche Art und Weise Kontakte zu pflegen. Und über die Jahre haben sich viele Menschen aus meinem Leben verabschiedet, weil sie es leid waren Beziehungen lediglich über WhatsApp oder dergleichen zu pflegen.
Oder aber ich habe mich von Ihnen verabschiedet, weil ich es leid war immer wieder erklären zu müssen, dass ich einfach nicht telefonieren KANN, weil bereits ein sehr kurzes Telefonat mich komplett der Energie beraubt, die ich so dringend zur Bewältigung des restlichen Tages benötigen würde.
Schrecklich? Ja , in der Tat !!! Das ist es!!! Auch ich wünsche mir ein Leben, das Spontanität zulässt, das es mir möglich macht Kontakte zu pflegen. Einfach so an’s Telefon gehen zu können , ohne mir vorher überlegen zu müssen, ob ich ausreichend konzentriert bin, um einem Telefonat überhaupt standhalten zu können.
Oder ob ich noch über ausreichend Kraft verfüge, um über einen gewissen Zeitraum einem Gespräch folgen zu können, ohne hinterher körperlich komplett zusammen zu brechen. Und ja, ich habe es genossen,dieses „Fünkchen“ ganz normalen Lebens.
Aber ich will mich gar nicht beklagen. Immerhin gibt es sie mittlerweile wieder, diese „Fünckchen“, die sich so wunderbar normal anfühlen. Die mir dieses herrliche Gefühl geben am Leben zu sein und nicht mehr, wie so lange Zeit (und ich spreche hier nicht von Wochen oder Monaten), lebendig begraben zu sein.
Immerhin gab es eine Zeit, da waren Telefonate, nur so zum Spaß, einfach völlig unmöglich. Noch nicht einmal eine Teilhabe an sozialen Netzwerken war mehr möglich, denn selbst hierfür hat schlicht und ergreifend die Konzentration und die Kraft gefehlt.
Wie sich das anfühlt? Ich denke es gibt tatsächlich nur diesen einen Ausdruck dafür. Es fühlt sich an wie „lebendig begraben „ zu sein.
Ja, genau so war das. LEBENDIG BEGRABEN!!!
Und wie war das nun gleich Herr Doktor ?In dieser Situation bestand kein Handlungsbedarf, da mein Leben nicht bedroht war ? Tja, da muss ich Ihnen wohl leider Recht geben. Mein Leben war nicht bedroht, denn ich hatte es bereits verloren. Hier scheine ich mich dann doch ganz drastisch von dem Laborbogen zu unterscheiden, den Sie da in Ihrer Hand halten.

Wer mich kennt, der weiß es. Ich liebe meine beiden Hunde, mein kleines aber feines Rudel. Kiwi, meinen großen, sensiblen „Schisser“, der jeden auch noch so geringen Hauch einer Stimmungsänderung in mir wahrnimmt und entsprechend darauf reagiert. Und Socke unseren Familienhund. Unseren kleinen Wirbelwind, welcher draufgängerischer nicht sein könnte. Der mit seiner nahezu unbezwingbaren Lebensenergie, geradezu alles über den Haufen rennt, was bei 3 nicht auf den Bäumen ist.
Ja, es waren mitunter meine Tiere die mir geholfen haben, die vergangenen Jahre, mit all ihren Schrecken, zu überstehen. Sie waren mein Ankerpunkt, das Stückchen Lebensqualität, das mir in diesem ganzen Chaos, welches die Erkrankung mit sich brachte, noch übrig geblieben war. Meine Zuflucht vor diesem „unbekannten Monstrum“, das da in mir gewütet hat. Mein Rettungsring in all dem Unheil, das mir der „unbekannte Wolf“ im Laufe der Jahre beschert hat. Ohne meine Tiere hätte ich die lange Zeit, der durch die Erkrankung erzwungenen Isolation, der körperlichen und seelischen Schmerzen wohl kaum überlebt. Ja, sie sind mir wirklich mehr als heilig…
Und dennoch gibt es Tage, an denen ich mich frage, ob es angesichts meiner miserablen körperlichen Verfassung, richtig war, Socke, unseren kleinen „Kamikazen“, in unserem Rudel aufzunehmen.
Es sind die Tage, an denen ich z.B. vollkommen im Eimer vom Einkaufen zurück kehre. Nicht wissend woher ich jetzt auch noch die Energie beziehen soll meine „Beute“ im Kühlschrank zu verstauen. Die Tage an denen ich dann auch noch, zu allem Übel, anstelle einer ordentlich aufgeräumten Küche, ein Desaster an weiträumig verstreuten Kuchenresten auf dem Küchenboden vorfinde. Wer mag das wohl wieder gewesen sein?!
Oder aber jene Tage, an denen ich nach meinem morgendlichen Spaziergang nicht entspannt, sondern vielmehr in Schweiß gebadet nach Hause komme. Völlig am Ende, weil es Socke – in einem unbedachten Augenblick – wieder einmal gelungen ist, Kiwi zur „Straftat“ anzustiften. Ihn dazu zu bringen, gemeinsam mit ihm, wie eine Horde wild gewordener Hyänen, einem Vogel hinter her zu jagen. Meinen Kiwi, den in der Zwischenzeit doch eigentlich so gemächlich gewordenen älteren Herrn!!!
Ja, es sind die Tage, an denen ich nach solchen oder ähnlichen Aktionen in weit aufgerissene Hundeaugen blicke, von denen mir die einen „ Ich bekenne mich schuldig und gelobe Besserung“ und die anderen „Wozu die ganze Aufregung, war etwas???!!!“ zu sagen scheinen.
An solchen Tagen erinnere ich mich an die Zeit, in der wir Socke zu uns geholt haben. Daran, welche Motivation mich in meinem tiefsten Inneren dazu veranlasst hat, diesen kleinen Chaoten zu uns zu nehmen. Es war die Zeit in der wir Kapper, das Kaninchen meiner Tochter, haben gehen lassen müssen. „Kappski“, von allen liebevoll genannt, war eigentlich gar kein richtiges Kaninchen. Eigentlich glich er eher einem Hund, oder zumindest lebte er wie ein solcher bei uns. Stubenrein im Wohnzimmer, mit meiner Tochter zärtlich verbunden, eigensinnig und äußert wehrhaft, wenn ihm etwas nicht in den Kram gepasst hat. Ein echtes Familienmitglied eben.
Und dann war da der Tag an dem wir ihn, trotz langer, liebevoller Pflege, auf seine letzte Reise begleiten mussten. Noch heute habe ich tiefen Respekt davor, dass meine Tochter sich ganz bewusst dafür entschieden hat, ihren geliebten Freund bis hin zur Regenbogenbrücke zu begleiten, seinem Tod direkt in die Augen zu schauen. Nie werde ich ihn vergessen, den Anblick wie sie ihn in ihren Armen gehalten hat, zärtlich seinen Körper streichelnd, so lange bis er eingeschlafen war, bis alles Leben aus ihm gewichen war.
Da war er also, der Tod. Kalt, hart und vor allen Dingen ganz real, so hat er uns in diesem Moment getroffen. Nein, es war nicht nur Kappskis Tod, der Tod unseres geliebten Vierbeiners. Es war die Realität des Todes schlechthin, die uns in diesem Augenblick mit voller Wucht ergriffen hat. Es war der tiefe, dieser endgültige Abschiedsschmerz, von dem wir beide intuitiv ganz genau wussten, dass er weit über Kapskis Tod hinausgehen würde, wenn ich nicht bald, die so dringend notwendige Hilfe erhalten würde.
Nur noch einen Wunsch gab es in den darauf folgenden Wochen für mich. Den Wunsch den Tod wieder aus meinem, ja aus unserem Leben zu verbannen. Ihn von mir und von meiner Familie fern zu halten. Meine Tochter vor dieser, seiner Realität zu bewahren, ihr diese nicht zumuten zu müssen. Mich schützend vor sie stellen zu können, ihr die Angst vor dieser schrecklichen, tief im Inneren zutiefst befürchteten, Erfahrung nehmen zu können. Ja dies und nichts anderes habe ich mir in dieser Zeit so sehr gewünscht. Einfach unerträglich war mir der Gedanke, der Tod könne noch weiter in unsere Familie eindringen, uns allesamt auseinander reisen.
Und so kam also Socke zu uns, seine Anwesenheit aus dem tiefen Wunsch geboren den drohenden Tod mit Hilfe seiner Lebendigkeit aus unserem Leben verdrängen zu können.
Was für ein unglaublicher Trugschluss!!!!
Rückblickend war dies wohl alles andere als eine weise Entscheidung. Denn was ich zum damaligen Zeitpunkt wohl nicht wahrhaben wollte oder vielmehr nicht wahrhaben konnte war dies , dass mein körperlicher Zustand bereits derartig schlecht war, dass ich durch ein „Mehr“ an Lebendigkeit in unserem Hause schlichtweg überfordert war.
Noch heute ereilt mich manchmal das schlechte Gewissen, wenn ich über meine damalige Entscheidung nachdenke, denn schlussendlich habe ich unserer kleinen Fellnase, da wohl eine Aufgabe zuteil werden lassen, deren Erfüllung sie (selbst unter den allergrößten Anstrengungen) nicht gewachsen sein konnte.
Und ja, ich gebe es zu. Die Entscheidung die ich damals getroffen habe, als ich Socke zu uns geholt habe, hätte für alle Beteiligten gründlich „in die Hose“ gehen können. Denn nicht nur einmal hat seine Lebendigkeit, die ich der Gegenwart des Todes so trotzig entgegen halten wollte, das dünne Eis auf dem wir uns als Familie damals ohnehin schon bewegt haben, zum Einbrechen gebracht.
Aber: Ertrunken sind wir NICHT!!! Wir haben gekämpft, um unser kleines bisschen Leben. Immer wieder haben wir es geschafft zumindest ein kleines bisschen Boden unter die Füße zu bekommen, auch wenn wir oftmals dem Ertrinken mehr als Nahe waren.
Ja, und wenn ich heute sehe wie Socke genüsslich eingekuschelt im Schosse meines Mannes liegt, dann bin ich mehr als ausgesöhnt mit meiner Entscheidung und mit seiner Anwesenheit. So unschuldig liegt er da, sich so völlig hingebend. So voller Vertrauen, leise und zufrieden vor sich hin „schnorchelnd“, dass ich ganz, ganz weit drin in meinem Herzen zutiefst berührt bin.
Und ja, es mag wohl sein, dass Socke KEIN „wohlerzogener“ Hund ist. Und an manchen Tagen hätte er sich vielleicht ein Quäntchen mehr an Aufmerksamkeit verdient, als ich in der Lage bin ihm zu geben. Aber eines weiß ich gewiss: “ Er ist ein glücklicher Hund, denn er ist ein geliebter Hund“
Endlos, ja so hätte ich ihn mir gewünscht, diesen Sommer im Jahr 2003. Einfach wunderbar war er!!!
Herrliche Tage voller Sonnenschein, die angefüllt waren mit all den Dingen, die ich so sehr geliebt habe. Das tolle Wetter in vollem Umfang auskostend fuhr ich bald täglich mit dem Fahrrad die 15 km bis zu meiner Arbeit, die mir damals so viel bedeutet hat. War mir dies aus irgendwelchen Gründen einmal nicht möglich, so bin ich in den Abendstunden, wenn es allmählich kühler wurde, ausgiebig zum Joggen gegangen.
Gemeinsam mit meiner Familie und meinen Freunden genoss ich das stabile Sommer-Hoch, das geradezu perfekt zu meinem inneren Hochgefühl und meiner körperlichen Vitalität, die ich doch so lange vermisst hatte, zu passen schien.
Eigentlich hätte man meinen können, es sei alles in bester Ordnung, wären da nicht immer wieder diese Leistungsknicks gewesen, die mich irgendwie in unguter Weise an die schlechte gesundheitliche Verfassung der vergangenen Jahre erinnert hätten.
Irgendwo, ganz tief unten vergraben, waren Sie schon noch präsent, die Erinnerungen an diese ersten „Aussetzer“. Daran wie es gewesen war, als mein Kopf mir von einem auf den anderen Tag den Dienst versagt hat. Nein, ganz vergessen hatte ich sie nicht, die befremdeten Blicke, wenn ich mich, als junge gesund wirkende Frau, etwas „merkwürdig“ verhielt, da mein Gehirn einfach nicht mehr in der Lage zu sein schien, dem Gesprächsfaden, meinem Alter entsprechend, angemessen zu folgen .
Aber diese Gedanken schob ich beflissentlich zur Seite. Darin war ich ja in der Zwischenzeit zum „Weltmeister“ geworden, hatte ich doch bereits schon so viele Krankheitsschübe hinter mich gebracht, dass es ein leichtes für mich war einige, kleinere „Ausfallerscheinungen“ einfach „weg“ zu ignorieren.
Nicht nur, dass ich mich bereits daran gewöhnt hatte, dass mein Kopf an vielen Tagen nur auf Sparflamme arbeitete. Auch hatte ich aufgrund meines beruflichen Hintergrundes meine „unerklärliche“ Erkrankung zum Anlass genommen mich intensiv mit mir und meinen „Macken“ auseinanderzusetzen . Was ich anderen immer wieder empfohlen hatte, so dachte ich mir, gelte nun eben auch für mich. Und so hatte ich zu diesem Zeitpunkt, im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung, bereits gelernt mich mit meiner Erkrankung (von der eigentlich keiner mir sagen konnte wie sie hieß!!!) anzufreunden. Mit ihr „umzugehen“, sie „anzunehmen“ und mich auch mit meinen Schwächen und Ausfallerscheinungen zu akzeptieren.
Ganz so wie es immer und überall von mir erwartet wurde. Braves Mädchen!!!! Ein Fehler, der mir jetzt , wenn ich Jahre später auf meine Geschichte zurück blicke, nicht nur einmal zum Verhängnis hätte werden können
Und trotzdem, die Akzeptanz der Situation ließ mich zumindest diesen einen, letzten Sommer in vollen Zügen genießen. So sehr, dass ich heute noch voller Wehmut an die Freiheit zurück denke, die mir zum damaligen Zeitpunkt gegeben war.
Es war einfach herrlich, so vollkommen unbeschwert, so leicht hat es sich angefühlt, wenn ich jetzt in meiner Erinnerung auf diesen Sommer zurückschaue. Ich war so absolut zufrieden mit mir und meiner Lebenssituation, war innerlich so angefüllt mit unzähligen Ideen, Vorstellungen und Hoffnungen für die Zukunft und gleichzeitig war ich so glücklich und zufrieden mit dem was mir in diesem Moment gegeben war.
Ja, es lässt sich nicht anders sagen, es war ein besonderer Sommer. Besonders vor allen Dingen deshalb , weil es der letzte sein sollte, den ich in dieser Art erleben sollten. Danach sollte alles anders sein. Niemals mehr sollte es so werden wie es in diesem Sommer war.
Hätte ich zum damaligen Zeitpunkt bereits gewusst was das Leben noch alles für mich bereit halten würde, ich weiß nicht ob ich es ertragen hätte . Wie gut es doch ist, dass es uns Menschen nicht vergönnt ist in die Zukunft zu schauen….
Heute früh, als ich wie jeden Morgen üblich, mit meinen Hunden in Wald und Flur unterwegs war, war sie plötzlich wieder da. Diese sanfte Melodie in meinem Inneren, die sich, ohne dass ich sie zunächst bewusst hätte wahrgenommen, langsam in ein leises zartes Summen verwandelt hat.
Wie schön, dachte ich bei mir. Das ist es ja wieder, dieses Summen, das einen fast schon meditativen Zustand anzeigt. Einen Zustand der sich ohne jegliches Zutun meinerseits völlig von alleine einstellt, immer dann wenn ich ganz bei mir selbst bin. Dann wenn ich völlig einverstanden damit bin, wie sich die Situation gerade zeigt. Jetzt, gerade jetzt!!!! Nur in diesem einen Moment. Wunderbar !!!
Früher hatte ich diesen Zustand sehr oft. Draußen in der Natur, im Zusammensein mit meinen Tieren oder beim Malen. Am meisten und in Windeseile bei mir selbst fühle ich mich an den weiten Stränden der Nordsee. Dort dauert es in der Regel nur wenige Minuten, bis ich vollkommen in mein Innerstes eintauchen kann, bis ich ganz und gar bei mir selbst bin und ich die Melodie meiner Seele hören kann.
In der letzten Zeit habe ich diesen Zustand vermisst. Sehr oft vermisst, oder andersrum formuliert, ihn nur noch sehr selten gespürt. Irgendwie scheint die Last der Erkrankung in den vergangenen Jahren doch zu groß geworden zu sein. Immer schwerer erschien es mir in der letzten Zeit diesen Zustand für mich noch erreichen zu können.
Es war wohl dieser verdammte Wettlauf um mein Leben, dieses Ringen darum, dass man meinen Zustand überhaupt ernst genommen hat, der mich so viel meiner ansonsten doch recht üppig vorhandenen Energie gekostet hat.
Immer wieder tauchen in der letzten Zeit Fragmente der vergangenen Jahre auf. Manchmal nur sehr vage, so dass ich sie kaum zu fassen bekomme. Aber trotzdem latent immer irgendwie vorhanden.
Die Erinnerungen an die vergangenen Jahre. All diese schlimmen Erfahrungen haben sich wie ein dunkles, schwarzes Knäuel in meinem Inneren manifestiert. So unglaublich dicht und scheinbar unauflöslich, dass einzelne Begebenheiten, die einzelnen Verletzungen der vergangenen Zeit, kaum noch zugänglich für mich waren.
In diesem Zustand bin ich hier in meinem neuen Zuhause angekommen. Körperlich durch den jahrelang unerkannten „Wolf“ in mir und die darauf folgende Chemotherapie völlig ausgelaugt. Äußerlich aufgedunsen vom Cortison, innerlich diesen „Felsbrocken“ aus unaufgelösten Emotionen zentnerschwer mit mir herum tragend.
Die Anwesenheit des Todes permanent im Nacken, ohne dass da jemand war der mir geholfen hätte ihn angemessen in mein, in unser Leben zu integrieren . Wie denn auch ?! Ausgesprochen und anerkannt wurde sie ja gar nicht!!! Aus Sicht der Medizin war ich ja gar nicht krank all die Jahre, war mein Leben angeblich gar nicht bedroht, obwohl ich es längst schon verloren hatte.
Und noch immer liegt das Deckmäntelchen des Schweigens, bezüglich dessen was geschehen ist, wie ein Leichentuch über den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Allenfalls peinlich geschwiegen wird noch heute darüber, dass ich jahrelang vom medizinischen System, mit einem ganzen „Zoo“ voller Erkrankungen, vollkommen alleine gelassen wurde. Dass ich jahrelang in gesundheitlich schlechtestem Zustand Mutterseelen alleine, durchs medizinische geirrt bin, ohne Hilfe und Unterstützung zu erlangen.
Die Angst davor, dass ich irgendjemanden persönlich dafür verantwortlich machen könnte dafür was geschehen ist, scheint übergroß zu sein. So groß, dass das allereinfachste, dass ein schlichtes “ Es tut mir so leid für Sie, dass sie eine so grauenvolle Geschichte erleben mussten“ nicht ausgesprochen werden kann.
Dabei bin ich gar nicht mehr wütend, habe diesbezüglich gar keine Rachegedanken mehr, diese habe ich längst schon hinter mir gelassen!!!! Ich weiß doch längst, dass es falsch wäre einen einzelnen Menschen für die Katastrophe, die mir da widerfahren ist, verantwortlich zu machen, sind es doch so viele Faktoren, die in letzter Konsequenz da zusammen gespielt haben.
Nein, Wut spüre ich nicht mehr. Ich habe kein Verlangen mehr nach Wiedergutmachung, aber ich wünsche mir, dass ich Betroffenheit erkennen kann. Dass ich Betroffenheit in den Gesichtern derjenigen erkennen kann, die beteiligt waren. Nicht weil ich andere Menschen leiden sehen möchte, das liegt mir fern. Nur weil ich weiß, dass nur dann, wenn Betroffenheit darüber was geschehen ist gespürt werden kann, auch der Wunsch nach Veränderung entstehen wird.
Aber alles was ich wahrnehmen kann, wenn der Blick auf meine medizinische Akte fällt, ist eine Mauer des Schweigens. Nicht weil die Worte fehlen, nicht weil Betroffenheit sprachlos macht. Nein, vielmehr weil nicht sein kann, was nicht sein darf!!!!!
Ja, schwer wiegt eine Last die es alleine zu tragen gilt, da sie um keinen Preis thematisiert werden darf. Denn dort wo geschwiegen wird, dort wo nicht an`s Licht darf was so dringend ausgesprochen werden müsste, werde ich der Möglichkeit beraubt zu trauern. Den Verlust meiner Lebenszeit zu betrauern, zu trauern um all die verpassten Möglichkeiten, zu trauern damit ich loslassen und mein Blick nach vorne wieder frei werden kann.
Und trotzdem !!! Ganz allmählich, je mehr ich schreibe, desto mehr kann ich die Trauer um das was mir in den vergangenen Jahren genommen worden ist, zulassen. Je mehr die Tränen fließen können, desto freier und gelöster fühle ich mich. Und dann kann ich es auch wieder fühlen . Dieses wunderbare Gefühl, ganz mit mir und dem was in diesem einen Moment gerade ist, im Einklang zu sein. Dann kann ich wieder einverstanden sein damit, was im Hier und jetzt ist, da die Last der Vergangenheit von meinen Schultern genommen ist.
Geschafft? Nein, sicherlich noch lange nicht. Zu groß sind die Verwüstungen der vergangenen Jahre. Aber ich bin unterwegs, ich werde es schaffen. Und bis dahin werde ich schreiben, schreiben und nochmals schreiben……selbst auf die Gefahr hin, dass all diejenigen, bei denen es eigentlich Gehör finden sollte, keinerlei Interesse daran haben, was ich zu sagen habe. Ich werde schreiben!!!!!
Gestern war der erste wirklich sonnige und warme Tag hier in unserem neuen „Bullerbü-Zuhause“. Das erste Mal hatten wir die Gelegenheit unseren neuen Garten in aller Ruhe und bis ins kleinste Detail zu inspizieren.
Schön war das, so viele Kleinigkeiten gab es zu entdecken. So viele Pflänzchen, die uns bislang noch unbekannt waren, die sich erst jetzt allmählich unter den ersten warmen Sonnenstrahlen, das Licht der Welt erkämpfen.
So vieles was bereits wunderschön, aber von anderer Hand angelegt wurde und jetzt darauf wartet von uns gepflegt, gehegt und erneut zum Blühen gebracht zu werden.
Bereits Vorhandenes, aber auch so viele neue Möglichkeiten , so unendlich viele kleine Details die verändert werden wollen, so dass ganz allmählich das „Neue“ in das „Alte“ integriert werden kann.
Das „Neue“ ins „Alte“ und das „Alte“ ins “ Neue“ integrieren, ein schöner Gedanke für einen Neubeginn, wie ich finde!!! So kann doch jeweils ein bisschen etwas von dem bleiben, was doch eigentlich bereits vergangen ist, was verloren erscheint.
So war es mir gestern irgendwie wichtig, sozusagen als ersten, symbolischen Akt, das alte Stall-Schild von Colleen, meinem wunderbaren Pflege-Pferd, direkt neben der Haustüre anzubringen. Colleen, der wunderbare Quarter-Hengst, der mich mit seiner so unglaublich ruhigen Gelassenheit durch schwerste Zeiten hindurch, im wahrsten Sinne des Wortes, getragen hat
Ich erinnere mich an die Jahre, in denen man erfolglos versucht hat eine nicht vorhandene Schilddrüsen- Fehlfunktion zu behandeln. An die Zeit nach der Schilddrüsenektomie und an die dadurch verursachte Stimmbandlähmung. An die, durch die Stoffwechselentgleisungen ausgelösten, epileptischen Anfälle , an die Panikattacken und die Angstzustände. An die depressiven Verstimmungen, an die zunehmende körperliche Schwäche, sowie an die immer geringer werdende Konzentrationsfähigkeit. Ich erinnere mich an Unruhezustände, Nervenschmerzen und an die verzweifelten Versuche die Dosis der Medikamente entsprechend anzupassen. Ich erinnere mich an die dadurch immer noch verheerender werdende Symptomatik und, und und… Kurz gesagt, an einen Zustand der in seiner Gesamtheit nicht grausamer hätte sein können, der jedoch weder vom Umfeld verstanden, noch von mir hätte verändert werden können. An einen Zustand, der mich so sowohl beruflich als auch privat zunehmend ins Abseits befördert hat.
Aber ich erinnere mich eben auch an Colleen. Daran wie sehr ich seine bloße Gegenwart im Stall genossen habe und wie frei ich mich, trotz aller körperlichen Gebrechen, auf seinem Rücken gefühlt habe. Wie ich mich mit seiner Kraft und seiner Stärke identifiziert habe und daraus neuen Lebensmut geschöpft habe.
Und ich erinnere mich, auf seinem Rücken erfahren zu haben, was es bedeutet vertrauen zu dürfen. Ich erinnere mich, wie wir uns oft den Weg quer durch den Wald gesucht haben, ja wie ich IHN den Weg habe suchen lassen, mitten durch das Gebüsch, fernab von allen ausgetretenen Pfaden, mitten durchs Unterholz. In diesen Momenten habe ich ein Gespür dafür bekommen, wie es sein kann die Zügel einfach aus der Hand zu geben, wie es sich anfühlt „loszulassen“ , mich innerlich fallen zu lassen und vollkommen darauf zu vertrauen, dass Colleen den für ihn (und damit auch für mich) sichersten Weg durch den dichten Wald schon finden wird. Was für ein Gefühl!!! Ich werde es niemals vergessen.
Ja, so war mein „Coleenchen“. Mein, ach so stolzer, Quarter – Hengst, der durch nichts aus der Fassung zu bringen war. Mein Fels in der Brandung, mein Rettungsanker in stürmischer See. Ohne ihn? Ich weiß nicht wie ich die Jahre rund um die Schilddrüsen- Operation, mit meinem unerkannten „Wolf“ im Gepäck, mit all der Ungewissheit, der Angst, der oftmals vorhandenen Hoffnungslosigkeit und der Isolation überstanden hätte.
Trauer und Glück gleichzeitig bedeutet mir diese Erinnerung. Mit ihr gelingt es mir ,ein Stückchen von dem was gewesen ist, in das „Hier und Jetzt“ zu integrieren. Das Stall -Schild neben unserer Haustür ist wie ein kleines Mosaik-Steinchen der Vergangenheit in meinem jetzigen Leben. Eine Erinnerung an eine schwierige Zeit, an Angst, Schmerz und Verzweiflung. Aber auch an Kraft Stärke und Überlebenswille.
Ich danke Dir, Colleen, mein geliebter Hengst. Dafür, dass Du mich an Deinem Leben hast teilhaben lassen. Und dafür, dass ich einen Teil meiner Selbst in Dir habe wiederfinden dürfen. Du wirst auf immer einen Platz in meinem Herzen behalten.
Epilog: Collen starb im Jahr 2009 an einem ebenso so schönen und sonnigen Frühlingstag wie der gestrige es war. In hohem Alter und ganz in Frieden auf seiner so sehr geliebten Wiese. Ich danke auch Alex seiner Besitzerin dafür, dass sie Colleen in meine Obhut gegeben hat und mir dadurch diese wunderbare Erfahrung ermöglicht hat.
Wer, all derjenigen von uns, die mit dem „Wolf“, dem „Krebs“ oder mit irgendwelchem sonstigem „Getier“ zu leben haben, kennt sie nicht. Die Frage danach, wie es gelingen kann, mit diesem ganzen „Zoo“ im Gepäck auch nur ein halbwegs normales, soziales Leben zu führen.
Eigentlich bin ich ein sehr offener Mensch. Ein Mensch , der soziale Kontakte genießt und sie in einem gewissen Maße auch braucht, um glücklich sein zu können.
Ich liebe es den Menschen zu begegnen, ihre „Geschichten“ zu hören, mir erzählen zu lassen, was sie tief in ihrem Inneren bewegt. Woran sie Freude haben, was sie begeistert oder auch, was sie schmerzt, was sie wütend macht, worunter sie leiden.
Dementsprechend offen und mit entsprechender Neugierde gehe ich in der Regel auf die Menschen zu, meist (meinem Naturell entsprechend) gut gelaunt und mit freundlichem Gesicht.
Tja, eigentlich!!!! Denn wie beschrieben verhält sich die Sachlage nur solange es mir gut geht. Ganz anders sieht es aus, wenn der „Wolf“ sich in meinem Körper wieder einmal die Ehre gibt und seine „Bisse“ ein Ausmaß erreichen, das zu ignorieren ich beim besten Willen nicht mehr in der Lage bin.
Lächelnd auf den Nachbarn zugehen, wenn man sich vor Schwäche und Schmerzen kaum mehr auf den Beinen halten kann? Das gestaltet sich schwierig!!! Offenheit und Interesse bewahren, wenn man sich nur allzu bewusst ist, dass der „Wolf“ sich gerade mal wieder im Gehirn tummelt und es erfolgreich zu verhindern weiß, dass die „Geschichte“ die gerade erzählt wird im Kopf auch haften bleibt, dort in irgendeiner Form verstanden und verarbeitet wird? Noch schwieriger!!!
In solchen Momenten wird jeder Versuch, meine ansonsten vorhandene Offenheit aufrecht zu erhalten, geradezu im Keim erstickt.
Das ansonsten aus tiefstem Herzen kommende Lachen, gefriert zur Maske. Die mir für gewöhnlich zu eigene Spontanität, meine Lebendigkeit erstarrt. Jeglicher Versuch meine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Mein „Zoo“ im Körper schafft es, jegliche Form der seelischen Beweglichkeit in mir zum Erliegen zu bringen.
In solchen Momenten finde ich den Schmerz in meinem eigenen Inneren, im Gesicht des anderen wieder. Ich spüre wie der Kontakt bricht, wie mein Gegenüber durch meine Erstarrung irritiert ist. Ich spüre wie mein Gesprächspartner in Reaktion auf mich selbst, den inneren Rückzug antritt.
Zu den ohnehin bereits vorhandenen Schmerzen der Erkrankung gesellt sich nun auch noch der Schmerz der Zurückweisung. Weh tut das, wenn sich andere aufgrund der Erkrankung zurückziehen. Ja, sehr weh!!!!
Früher habe ich an dieser Stelle gekämpft, versucht den Abbruch des Kontaktes zu verhindern in dem mich erklärt habe. In dem ich versucht habe, zu vermitteln wie es sich anfühlt mit meiner Erkrankung zu leben, wie sie mich daran hindert mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.
Nicht selten habe ich regelrecht bis zur „Besinnungslosigkeit“ gekämpft und trotzdem habe ich den Kampf so oft verloren. Habe lediglich in verständnislose, ja ratlose Gesichter geschaut oder schlimmstenfalls „wohlgemeinte“, jedoch völlig hilflose Ratschläge geerntet, die mich zudem auch noch „klein“ gemacht haben, da sie die Tatsache , dass ich trotz meiner Behinderung in der Lage bin, mein Leben zu leben, vollkommen verkannt haben.
Zu einem weiteren Gespräch , zu einem tieferen Kontakt haben diese Kämpfe so gut wie nie geführt. Und trotzdem habe ich nicht aufgegeben. Habe gekämpft, gekämpft und nochmals gekämpft. Einen vollkommen sinnlosen Krieg gegen mich selbst geführt, nur um nicht vollständig aus sämtlichen sozialen Bezügen herauszufallen. Gewütet gegen mich selbst, nur um dieses kleine bisschen Anerkennung zu erlangen, meinen sozialen „Status“ zu erhalten.
Ich habe tatsächlich so lange gekämpft, bis auch das letzte bisschen Energie, das mir der „Wolf“ zum Leben gelassen hat, vollständig verbraucht war. Ja, bis ich ich gezwungen war, meine Waffen zu strecken, mir meine Niederlage einzugestehen und die erzwungene Isolation zu akzeptieren.
Heute, da es mir dank der entsprechenden Behandlung besser geht, komme ich zurück ins Leben. Tastend und in sehr kleinen Schritten. Manchmal habe ich etwas Angst, Angst davor der „Neustart“ könnte misslingen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre könnten sich wiederholen. Aber kämpfen werde ich trotzdem nicht mehr.
Noch immer bin ich manchmal versucht mich in ausschweifenden Erklärungen zu verstricken. Und im Grunde genommen sind Erklärungen auch in Ordnung, denn wie auch sonst sollte der andere verstehen können?! Ich möchte erklären, nach wie vor. Es ist und bleibt mir wichtig, dass andere die Möglichkeit haben die Krankheit zu begreifen und sich auf die Situation einzustellen. Aber „Verstanden werden“, um jeden Preis, „Verstanden werden“ um den Preis meines Selbstverlustes, das muss heute nicht mehr sein.
So absurd es erscheinen mag , und auch wenn ich Lichtjahre davon entfernt bin eine solche Zeit nochmals erleben zu wollen, etwas habe ich aus dieser grauenhaften Zeit wohl mitgenommen. Die über Jahre hinweg andauernde Isolation hat mir eines „geschenkt“ Die Begegnung mit mir selbst !!!!
Ja, ich bin mir selbst begegnet, fernab von gesellschaftlich erwünschten, mir selbst auferlegten Ansprüchen. Unmaskiert, ja seelisch vollkommen entblößt, sämtlicher Abwehrmechanismen beraubt, dem Schmerz ausgeliefert bis aufs Messer. Und es war verheerend. Aber eines hatte diese ganze fürchterliche Geschichte dennoch für sich : In dieser „Wüste“ der Isolation war ich gezwungen mich genau so zu sehen wie ich bin.
Und dabei habe ich etwas wichtiges gelernt. Mich so zu lieben wie ich bin!!!!!!! Danke dafür!!!!
In den vergangenen Tagen war ich bei meinen Eltern. Ich wollte nur mal eben etwas abholen und einen festen Zeitpunkt hatten wir nicht vereinbart, weshalb sie auch noch nicht zuhause waren als ich bei Ihnen ankam. Also habe ich mich für einen Moment auf eine Bank in ihrem Garten gesetzt und da war es plötzlich, dieses Gefühl von „Heimat „…Nein, damit ich nicht falsch verstanden werde . Ich wohne dort schon sehr lange nicht mehr. Genau genommen schon seit über 30 Jahren nicht mehr. Und Heimweh nach meinem Elternhaus, das habe ich gewiss schon lange Jahre nicht mehr.
„Heimat “ das war für mich vielmehr über viele Jahre hinweg unserer kleine Doppelhaushälfte. Dieses kleine Häuschen, welches mein Mann und ich gebaut haben, als meine Tochter gerade mal ein halbes Jahr alt war, also vor nunmehr über 18 Jahren.
Ein richtiges Zuhause sollte dieses Haus damals für uns werden. Gebaut für die Ewigkeit sollte es sein, für unsere Ewigkeit…so zumindest hat es sich für mich damals angefühlt.
Jeden Grashalm haben wir dort selbst gesät, jeden Baum eigenhändig gepflanzt. Den Garten unzählige Male in vielen Details umgestaltet und jeden Stein 5 mal umgedreht. Ja, und so wurde mit der Zeit aus einem Haus mehr und mehr auch eine „Heimat“ , ein richtiges Zuhause, in dem sich alle über einen langen Zeitraum wohl und geborgen gefühlt haben.
Und höre ich ich heute meine Eltern, so war es wohl auch für sie so etwas wie ein Zuhause. Auch für sie war es nicht nur irgendein Haus, vielmehr war dieses Haus auch das Zentrum unserer gesamten Familie…..Sämtliche Familienfeste, haben wir dort gemeinsam erlebt, die Großen wie die Kleinen. Dort haben meine Schwiegereltern noch mit uns gefeiert, dort habe ich meine Tochter aufwachsen sehen und meine Tiere begraben…viele schöne und bewegende Erinnerungen verbinde ich mit diesem Haus . Momente in denen ich glücklich war, weil dort „Familie“ war, weil ich einfach“Zuhause“ war.
Und trotzdem, neben all den glücklichen Momenten die ich, die wir als Familie dort erlebt haben, wurde dieses Zuhause zunehmend angefüllt mit den Schrecken der Erkrankung …mit all der fürchterlichen Angst, ausgelöst durch den sich immer weiter zuspitzenden Kampf um die richtige Diagnose, durch den Kampf um eine angemessene Behandlung , ja durch mit den Kampf um´s Überleben.
Immer mehr verwandelte unser Zuhause sich in ein Gefängnis, einem Ort an dem Angst und Verzweiflung die Oberhand gewannen, an dem die Isolation sich bis ins Unerträgliche steigerte.
So kam es geradezu einem Befreiungsschlag gleich, als wir uns im vergangenen Jahr nahezu Hals über Kopf entschieden haben dieses „Zuhause“ zu verkaufen. Alles andere als schmerzfrei war der Abschied und noch heute, ein knappes halbes Jahr später, ist es mir als breche mein Herz, wenn ich an all das denke, was ich dort zurück lassen musste.
Und dennoch, es war es die einzige Chance für meine Familie und mich, um wieder frei atmen zu können.
Heute leben wir in einem hübschen Holzhaus. Fast so idyllisch wie in „Bullerbü “ wie eine liebe Freundin von mir zu sagen pflegt. Umgeben von einer Natur, die mir fast täglich den Atem verschlägt angesichts ihrer unglaublichen Schönheit. Ich fühle mich wieder freier, nicht mehr so eingesperrt und komme zunehmend zur Ruhe . Ich beginne mich zu entspannen, weil ich hier Rahmenbedingungen gefunden habe, innerhalb derer es sich mit meiner Erkrankung sehr viel leichter leben lässt. Ja, genau so hatten wir es uns vorgestellt, das war der Plan.
Und dennoch, das Gefühl für eine „Heimat“ im eigentlichen Sinne, von einem Haus das für immer mein Zuhause ist, von einem Ort der mir auf „ewige Zeiten“ Zuflucht und Geborgenheit bieten kann, dieses Gefühl ist wohl mit unserem alten Haus für immer verloren gegangen. Manchmal fühle ich mich etwas verloren, fast gar ein wenig entwurzelt, weiß ich doch, dass mein altes Leben nicht mehr zu haben ist. Und inwieweit wird meine Erkrankung es noch zulassen mir etwas Neues aufzubauen? Ich weiß es nicht!!!
Scheinbar ein trauriges Resümee und doch, wenn ich genauer darüber nachdenke, auch irgendwie wieder nicht. Denn trotz, oder besser gesagt sogar aufgrund der schmerzlichen Verluste der vergangenen Jahre, habe ich wiederum auch etwas hinzu gewonnen .
Mit dem Verlassen meiner alten Heimat, mit der sicheren Gewissheit, dass es keine äußeren Sicherheiten gibt, habe ich das hinzu gewonnen, was schlussendlich wohl am allermeisten zählt: Das Gefühl ganz und gar in mir selbst zuhause zu sein😊
Es ist noch gar nicht so lange her , da war ich beim Friseur. Ja, man glaubt es kaum…zwischen dem ganz normalen Wahnsinn, den mir mein ganzer „Zoo“ an Erkrankungen im Alltag so beschert, schaffe ich es doch auch hin und wieder noch, den ganz gewöhnlichen Dingen des Lebens nachzugehen.
Wie dem auch sei, es war ein recht gelungener Nachmittag, denn ich mag meine Friseurin. Sie scheint auf einer ähnlichen „Wellenlänge“ zu schwingen wie ich selbst und wie so oft hat es auch an diesem Nachmittag nicht lange gedauert, bis wir ins Gespräch gekommen sind.
Eigentlich kann ich gar nicht mehr genau sagen wie wir darauf gekommen sind, aber irgendwann hat sie mir davon berichtet, dass sie kürzlich von einer ihr bekannten Person gefragt worden sei, ob sie denn spontan 10 Dinge nennen könne, die Ihr Freude machen.
Aber klar doch, als alte „Psycho- Tante“ weiß man doch wie wichtig das ist!!! Selbst- Fürsorge!!!!!! Also gleich mal losgelegt mit aufzählen 1.2.3…,und PAUSE 😳
Moment, das hat mich dann doch etwas stutzig gemacht?! Als jemand der eigentlich davon überzeugt ist immer gut für sich selbst zu sorgen, hätte ich doch wohl von mir erwarten können, dass mir 10 Dinge die mir Freude bereiten locker flockig von der Hand gehen. Nicht wahr?!
Da dem ganz offensichtlich nicht so war, nahm ich mir auf dem nach Hause weg vor mir eine Liste anzufertigen. Hier kommt das Ergebnis meiner reiflichen Überlegungen:
Na also, geht doch!!!!! Aber Hand aufs Herz. Wie oft schaue ich aus dem Fenster und sehe meine Wildvögel gar nicht mehr, weil ich in Gedanken schon beim nächsten Arzt-Termin bin? Wie oft scheue ich die Begegnung mit anderen Menschen, weil mein innerer „Schweinehund“ mir sagt, mein Lupi-Hirn sei nicht Menschen-kompatibel? Wann habe ich das letze Mal gemalt! Oder anders formuliert, wie oft habe ich es mir verweigert, weil ich der Ansicht war die so gering vorhandenen Energien für etwas anderes zu benötigen? Wie oft gebe ich der Angst so viel Raum, dass sie mich daran hindert zu leben, die Schönheit dessen, was mich umgibt wirklich und bewusst wahrzunehmen.?
Die Liste der „Selbst- Vernachlässigungen“ könnte vermutlich ebenso unendlich fortgesetzt werden, wie die Liste der Dinge die mir Freude bereiten , der Dinge die der „Selbst-Fürsorge“ dienen.
Eigentlich ein trauriges Resümee, nicht wahr? Angesichts des „Krebstieres“, das sich da in meinem Inneren versucht breit zu machen erscheint es mir doch mehr als an der Zeit, den Focus wieder einmal bewusster auf das zu legen was mir Freude macht, was mir gut tut.
Mein Entschluss steht also fest!!!! Meinem „Zoo“ werde ich nur eben genau so viel Raum geben, wie von Nöten ist, ihn mittels der richtigen Therapie in Schach zu halten…und wann immer es mir gelingt, werde ich ihn so weit wie nur möglich daran hindern mir die Freude am Leben zu nehmen.
Ich hoffe inständig darauf, dass es mir auch gelingen wird, mir diesen Vorsatz durch die nächste Therapie-Welle -die da unweigerlich auf mich zuschwappt – hindurch, aufrecht erhalten zu können.
Hurra, die Erde hat mich wieder, dem Himmel sei Dank!!! Oder vielleicht muss ich es etwas vorsichtiger formulieren?! Gerade eben habe ich wieder mal etwas Boden unter den Füßen erwischt, auf dem ich trotz aller Widrigkeiten etwas Fuß fassen kann.
Nach etwas selbst verordneter Ruhe und Einsamkeit waren Sie da, die so heiß ersehnten Tränen. Der so dringend notwendige Zusammenbruch, das Aufgeben , das Anerkennen dessen, dass der Kampf gegen die Situation aussichtslos und damit unsinnig ist.
Und mit dem Zusammenbruch war auch sie plötzlich wieder da, die so dringend benötigte Ruhe und die innere Entspannung. Das tiefe Einverstanden sein mit mir selbst und mit dem was ist. Tief spürbar in meinem Innerern, jedenfalls für diesen einen Moment, in dem endlich die Tränen fließen durften.
Innere Ordnung allerdings fühlt sich anders an. Vielmehr wird mir jetzt erst ( da sich die Erstarrung gelöst und ich des Denkens wieder mächtig bin ) klar, dass mir eigentlich gar nichts klar ist. Was habe ich denn nun eigentlich? Einen „Wolf „, einen „Sjögren“, “ einen „Krebs“ oder doch alles zusammen? Und was war zuerst da? Der „Krebs“ der „Wolf“ oder das „Sjögren“? Die Henne oder das Ei? Nach Aussage meines Onko-Docs nicht wirklich zu beantworten. Fast 20 Jahre ein „Krebstier“ an Bord und keiner merkt etwas? Kaum zu glauben, oder?! Und doch scheint es so zu sein, bedenkt man die vorliegenden Befunde.
Auch die Aussagen des Radiologen geben nicht wirklich weiteren Aufschluss , zumindest nicht aus seiner (und zunächst auch nicht aus meiner) Sicht. Wohl aber passen die Auffälligkeiten in der Bildgebung zu den Befunden der vorher gegangenen Jahre. Passen sie auch in den gesamten Kontext? Ist das „Krebstier“ gerade im Begriff mein Knochenmark „aufzufressen“? Der Befund der Magenspiegelung war ohne Befund. Zumindest makrosokpisch gesehen also Entwarnung, das Ergebnis der Histologie steht allerdings noch aus. Auch hier also keine Sicherheiten.
Fragen über Fragen. Und die entsprechenden Antworten?! Fehlanzeige !!!! Zumindest für die nächsten 2 Wochen. Denn dann erst habe ich den nächsten Termin bei meinem Onko-Doc.
Tja, ob „Wolf“, „Sjögren“, „oder „Lymphom“. Eines haben sie wohl gemeinsam. Sie machen spürbar, dass Warten wohl eines der Dinge ist, die man unvermeidlich im Umgang mit chronischer Erkrankung zu lernen hat ……….
Epilog:
Heute früh, auf meinem alltäglichen Spaziergang mit meinen beiden „Fellnasen“, schenkt mir die Natur in der Umgebung meines neuen Zuhauses einen unvergleichlichen Anblick. Trotz körperlich vorhandener Schwäche genieße ich die kalte Luft, den Wind um meine Nase, das Spiel der Wolken und die Lebendigkeit meiner beiden Hunde. Großartig, denke ich mir. Zwei Wochen ohne Arztbesuche (vom morgigen Kontrolltermin beim Augen-Doc, der den Ball hoffentlich flach halten wird, mal abgesehen) Zwei Wochen ohne neue Befunde. Zwei Wochen lang keine neuen Horrornachrichten, keine weiteren Untersuchungen, ganze zwei Wochen kein weiteres Herumstechen in meinem Körper , kein weiteres Ziehen und Zerren an mir und an meiner Seele. Ja, so sehen sie aus!!!! Die kleinen Inselchen, auf denen ich auch bei hohem Wellengang immer wieder Boden unter den Füßen verspüren kann.
das ist wohl der trefflichste Ausdruck dafür, was ich gerade empfinde. Dementsprechend weiß ich eigentlich auch gar nicht so richtig was ich schreiben könnte. Ich mag gar nicht schreiben, weder meinen Freunden , noch in der Gruppe, noch sonst irgendwo. Mir fehlt die Intuition, die Inspiration…für alles, nicht nur für das Schreiben. Als unnatürlich empfinde ich das, fast gar schon als bedrohlich und vor allen Dingen als mir völlig fremd.
Ich habe viele Krisen erlebt in den vergangenen Jahren und gelernt durch sie hindurch zu gehen. Was hatte ich auch für eine andere Möglichkeit ? Die Alternative wäre aufgeben gewesen, aber das war keine Option. Dafür war das Leben denn doch einfach zu schön.
Klar, angesichts der vorhandenen Umstände gab es natürlich auch viele Tränen, viel Verzweiflung, viel Wut und viel Trauer.
Aber Leere, die gab es nicht …zumindest nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.
Aber seit dieser doofe Krebs in mein Leben Einzug gehalten hat, fühlt sich irgendwie alles anders an, weniger lebendig…….Gefühle immer nur im Ansatz…….Angst, Zuversicht, Resignation und Aktionismus wechseln sich ab.
Aber wirkliche Tiefe spüre ich dabei nicht. Alles irgendwie nur flüchtig. Und vor allen Dingen sind da keine Tränen, als wenn diese vollständig versiegt wären. Völlig verbraucht vielleicht?
Insgesamt viel zu tapfer. Für meinen Geschmack, zu gefasst. Mir selbst entfremdet …..eben leer.
So kann es nicht bleiben……grauenhaft!!!! Aber wirklich hinspüren kann und will ich auch nicht. Noch nicht!!! Insgeheim hoffe ich wohl darauf, dass es mir erspart bleibt, dieses Hinspüren. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich so keinen Weg finden werde.
Hoffentlich können Sie bald wieder fließen, die Tränen die ich so dringend brauche um mich wieder lebendig fühlen zu können…
Aber noch nicht…… Jetzt noch nicht!!!!!