So, der erste Schritt liegt hinter mir . Die Magenspiegelung ist geschafft. Vollkommen stressfrei. Spritze bekommen, eingeschlafen und ohne auch nur irgendetwas mitbekommen zu haben, wieder aufgewacht.
In der Zwischenzeit kann ich solche Dinge ja ganz gut zur Seite schieben. Immer schön im „Hier und jetzt „ bleiben. Die Untersuchung ist notwendig, Ängste lohnen sich an dieser Stelle nicht….bzw. mein „Sjögren-Wolf“ hat mich gelehrt Untersuchungen gedanklich so lange zur Seite zu legen, bis es denn so weit ist. Darin bin ich Weltmeister!!!
Die letzte Magenspiegelung hatte ich wohl auch bereits wieder erfolgreich verdrängt, aber gestern Abend, beim Ausfüllen der Unterlagen, war sie dann plötzlich wieder da, die Erinnerung an den letzten Klinik Aufenthalt.
Magenspiegelung. Ohne Narkose!!!! Es war fürchterlich. Ja, geradezu gewaltsam habe ich es empfunden. Offen gestanden bin ich mir noch nicht einmal mehr sicher, ob ich dieser Vorgehensweise zugestimmt habe. Vermutlich schon, aber sicherlich nicht bewusst, denn mein Zustand war bereits zu schlecht, um die Dinge wirklich zu überblicken. Mir war nur klar, die Untersuchung muss gemacht werden. Oder anders formuliert, mir war eigentlich alles egal, ich wollte nur noch behandelt werden. Und das so schnell wie möglich. Gesprochen hat irgendwie keiner mit mir.
Doch dann dies. Gestern Abend erinnere ich mich plötzlich wieder ganz genau. Mir war noch nicht einmal ansatzweise bewusst, dass ich die Untersuchung nicht verschlafen werde.
Völlig arglos lasse ich die Vorbereitungen über mich ergehen. Zur Seite legen, Mundstück rein und dann das böse Erwachen. Erst als der untersuchende Arzt mit dem Schlauch auf mich zukommt wird mir klar was da geschieht, dass ich mitnichten schlafen werde, dass ich alles mitbekommen werde. Ich bekomme Panik, will zurück weichen, aber das ist nicht möglich.
Am liebsten hätte ich geschrien, um mich geschlagen, mein gesamter Körper reagiert mit einem „Fluchtimpuls“, aber wohin?! Ausweichen nicht möglich, keine Chance. Irgendwie siegt dann doch die Vernunft (oder die Resignation?!) Ich halte irgendwie durch , gehe in eine Art „seelische Starre“ , lasse die durchaus schmerzhafte Prozedur über mich ergehen, was bleibt mir auch anderes übrig.
Nach der Untersuchung bin ich vollkommen durcheinander, eigentlich begreife ich gar nicht was das mit mir geschehen ist. Alles was bleibt ist das Gefühl, dass da etwas gegen meine Willen mit mir passiert ist, etwas fast schon demütigendes. Etwas was nicht nur in meinen Körper, sondern auch tief in meine Seele eingedrungen ist. Etwas was sich so leicht nicht wieder abschütteln lässt.
Für mich ein schlimmes Erlebnis, dass ich zwar offensichtlich verdrängen, aber scheinbar nicht vergessen kann. Für den untersuchenden Arzt sicherlich Routine. Tja, so unterschiedlich können Erlebniswelten sein.
Wie gut, dass ich heute eine ganz andere Erfahrung machen durfte. Mein ohnehin schon vorhandenes Vertrauen in meine onkologische Praxis (mit der ich schon mit meinem „Sjögren-Wolf“ durchaus positive Erfahrungen machen durfte, wächst zusehends ..und schön ist zudem auch, dass der makroskopische Befund schon mal unauffällig ist….auch wenn das Ergebnis der histologischen Untersuchung noch abzuwarten bleibt.
Insgesamt aber: 1:0 für mich !!!!! So kann es weiter gehen.
Eigentlich war sie gar nicht so schlimm, die Nacht nach der ich plötzlich von einer „Autoimmunlerin“ zu einer Krebspatientin geworden bin. Ein bisschen unruhig vielleicht. Wach geworden bin ich schon, ja. Aber das bin ich ja gewohnt. Der „Wolf“, „Mr. Sjögren“ (oder war es vielleicht doch eher das „Schalentier“ !?) , sie lassen mich oft nicht schlafen.
Aber Angst hatte ich irgendwie keine, zumindest keine große. Da hab ich, weiß Gott, schon schlimmeres erlebt. Und auch am Morgen noch …. alles gut. Eine merkwürdige Gelassenheit, die ich da in mir wahrnehme…wie so oft , wenn schlimmes über mich herein bricht.
Irgendwie funktioniere ich weiter, arbeite alles ab was es nun zu erledigen gibt. Fast schon mit einem übertriebenen Antrieb, echte Ruhe fühlt sich anders an. Nehme ich mir die Zeit zum Innehalten, spüre ich eine extreme Anspannung. Die Schultern hochgezogen, die Muskeln verkrampft… sich alle Mühe gebend, das was da unter dieser scheinbaren Gelassenheit tief in meinem Inneren verborgen liegt, zurück zu halten.
Anstrengend ist das , soooo extrem anstrengend. Ich sehne mich nach Ruhe und zwar nach echter, wirklicher innerer Ruhe . Aber diese will sich einfach nicht einstellen. Irgendwie ist da nur dieser seltsame Zustand, der sich irgendwie fremd , fast abgetrennt von mir selbst anfühlt.
Irgendwann werde ich müde. Ist es die Krankheit? ist es die Anspannung? Keine Ahnung, es ist mir auch völlig egal. Schlafen will ich , einfach nur schlafen!! Nichts sehen, nichts hören und nichts fühlen. Und schon gleich gar nicht will ich den Papierkram erledigen, der sich da angesichts der vielen Arztbesuche bereits wieder angesammelt hat. Aber ein Weg führt da nicht vorbei , also beginne ich mit extremen Widerwillen Artzrechnungen zu sortieren, Überweisungen zu tätigen.
Frust macht sich breit, ich bin wieder mal völlig pleite. Mein ganzes Geld liegt, wie so oft , bei der Krankenkasse. Die letze Abrechnung wurde noch nicht zurück erstattet. Ein ganzer Haufen neuer Rechnungen liegt schon wieder vor mir.
lch kämpfe mit meinem Handy, die App meiner Krankenversicherung finktioniert nicht, wirft mich wieder mal raus . Mehrfach fange ich von vorne an. Mittlerweile nicht nur die Schultern angezogen, nein ich beiße fast schon gewaltsam die Zähne zusammen.
„Ich habe keinen Bock mehr diesen Mist zu erledigen“ hämmert es in meinem Kopf. Mühsam nur noch kann ich meinen Zorn unterdrücken. Gleich wird es sich Bahn brechen. Und dann passiert es . Ein falsches Wort von meinem Mann und ich fange an zu brüllen. Ich wüte, schreie und tobe. Zunächst auf die Krankenkasse, dann auf das Handy und dann auf Gott und die Welt.
Und dann komme ich an, am Punkt um den es wirklich geht. Ich wüte was das Zeug hält. Auf den Wolf, den Sjögren und auf diesen gottverdammten Krebs, der sich da nun wohl auch noch in meinem Inneren breit gemacht hat. Scheiß Wolf, Scheiß Krebs ….oder wie auch immer ihr heißen mögt. Wie wird so oft gesagt? Arschlöcher seid ihr, Ja, genau das seid ihr, Arschlöcher!!!!…allerdings!!!!!… und was für welche!!!!!
Ihr wollt mir mein Leben nehmen, meine Freude, meine Lebendigkeit?! Ich sag Euch jetzt mal was “ Ihr könnt mich mal und zwar sowas von“ …“ich tret euch in den Hintern, ihr Vollidioten und zwar solange bis Ruhe im Karton ist . Habt ihr das kapiert?! “ Nichts, aber auch gar nichts von alledem werde ich mir nehmen lassen. Nicht so schnell und schon gleich gar nicht ohne Gegenwehr, das lasst euch mal gesagt sein!!!!……
So, das war es also was sich hinter dieser geradezu unheimlichen Ruhe verborgen hat. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Wie so oft, wenn sich schlimmes in meinem Leben breit macht. Augenblicklich spüre ich wie ich mich entspanne, wie Ruhe einkehrt . Echte Ruhe…..zumindest jetzt , für diesen Augenblick
Gerade eben komme ich von meinem Onkologen. Es ist eingetreten woran ich als aller letztes geglaubt habe . Ich habe Krebs. Blutkrebs!!!!!! Eine Unterform des Non-Hodkin-Lyphoms , genau gesagt ein Marginalzonen -Lymphom. KREBS ….es will mir nicht in meinen Kopf. Ganz ehrlich, ich weiß nicht was mit mir los ist. Ist es die günstige Prognose? Ist es eher noch der Schock der mich weitgehend „gefühlstot“ macht? Ist es die langjährige Krankheitsgeschichte, in der ich gelernt habe die Dinge einfach hinzunehmen? Auf jeden Fall spüre ich im Moment kaum Angst. Für einen kurzen Augenblick. Ja, da hatte ich Angst. In dem Moment als von einem Ganzkörper -CT oder einer PET-CT die Rede war. Da war für einen kurzen Moment, die Vorstellung von einem von Krebszellen zerfressenen Körper. Aber wie gesagt , nur für einen ganz kurzen Moment. Bereits beim nach Hause fahren war da bereits schon wieder das Gefühl von „Das Leben ist schön“ „Lasst uns das Leben feiern was das Zeug hält“……. Es MUSS der Schock sein…anders ist es nicht zu erklären, dass ich im Moment nichts spüre. Nichts weiter wahrnehme als Erleichterung darüber, dass ich nicht kämpfen muss . Nicht kämpfen muss um eine Diagnose. Nicht kämpfen muss um eine Behandlung und nicht kämpfen muss darum ernst genommen zu werden……. Ein wahrlich beachtliches „Geschenk“ welches ich da aus meiner Vorgeschichte mitgenommen habe. Vielleicht kann ich nun endlich um mein Leben kämpfen?!
Soviel also zum Thema „Auszeit „von Kontrolluntersuchungen. Die letzten beiden Blutbilder belehren mich eines Besseren. Es ist wie immer, der „Wolf“ spielt einfach in seiner eigenen Liga.
Ich halte die Ergebnisse der neuesten Blutuntersuchung in der Hand. Meine Lymphozyten haben wieder einmal Tiefstand erreicht, zudem tauchen atypische Lymphozyten und Kernschatten auf. Ich bin es in der Zwischenzeit gewohnt meine Laborbögen mit Argusaugen anzuschauen. Also : “ Was zum Teufel ist das nun wieder!!!“
Es folgt ein Anruf beim Hausarzt, der weiß in der Zwischenzeit dass niedrige Lymphozyten nichts Gutes bei mir verheißen und dass sie vor allen Dingen NICHT durch Medikamente induziert sind. Kernschatten, atypische Lymphos? Infekt? Krankheitsaktivität? Leukämie? Heiteres Rätselraten…wieder einmal wissen wir nicht was los ist. Mein Hausarzt will im Labor anrufen. Unser Gespräch läuft gut, unser Vertrauen zueinander ist über die Jahre sehr gewachsen, wir können in der Zwischenzeit gut miteinander reden. Noch bin ich (und er wohl auch) vollkommen entspannt. Nach unserem Telefonat wende ich mich noch relativ mühelos wieder meinem Alltag zu.
Ein paar Stunden später klingelt erneut das Telefon, in der Zwischenzeit bin vom erledigen meine Alltagsgeschäfte schon ziemlich erledigt. Noch ein Telefonat? Eigentlich bin ich schon viel zu müde und zu unkonzentriert. Aber auf dem Display kann ich die Nummer meines Hausarztes erkennen. Also wieder einmal Zähne zusammen beißen und durch. Eigentlich hatte ich Lymphozyten und Co bereits wieder aus meinem Bewusstsein verdrängt und genau genommen hätte ich es (zumindest vor dem Wochenende) auch gerne dabei belassen. Aber ich weiß es sehr zu schätzen, dass mein Hausarzt so zuverlässig hinter mir steht und trotz seiner immensen Belastung so zeitnah reagiert. Also überwinde ich mich und nehme den Anruf entgegen.
Mein Hausarzt gibt Entwarnung. Er hat bereits jemanden im Labor erreicht und die Dame dort meinte, dass die atypischen Lymphos vermutlich auf einen Infekt zurück zuführen sind…Ohne genaueren Hintergrund? Ohne Vorgeschichte und ohne Informationen hinsichtlich meines Befindens zu haben? Mein Hausarzt ist etwas beruhigt, ich bleibe skeptisch. Wir vereinbaren eine weitere Kontrolle in der kommenden Woche.
Ja, nun ist sie also dahin. Meine entspannte und zuversichtliche Haltung ist erstmal der Erschöpfung gewichen. Telefonieren ist nach wie vor anstrengend, die Auseinandersetzung mit medizinischen Themen ebenfalls. Und nicht zuletzt ist es ja auch so..was hier scheinbar so sachlich abgehandelt wird betrifft MICH und MEINE Gesundheit. Es geht nicht nur um irgendwelche Blutwerte , sondern um mich, um mein Leben und darum wie es für mich und für meine Familie weiter gehen wird …..emotionale Distanziertheit?..Fehlanzeige!! Die ist nur in Ansätzen möglich. Den Rest des Tages hab ich damit zu tun Untersuchungsergebnisse , Ängste und Sorgen wieder in den Hintergrund zu rücken. Sie auf einen entlegenen Platz in meinem Hinterkopf zu verbannen, damit das Leben wieder Einzug halten kann…
Liebe Carolin,
hab herzlichen Dank für Dein unermüdliches Engagement, dafür dass du den „Wolf“ immer wieder in´s Bewusstsein rückst. Du tust vielen von uns einen großen Dienst damit.
Fühl Dich herzlichst umarmt aus der Ferne
Daniela
romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com
Ich schaue den Bergdoktor, um meine Berge zu sehen. Nicht nur, aber vorwiegend aus diesem Grund. Mir gefällt das Gespann Bergdoktor/Kahnweiler. Und immer wieder entweicht mir der flehende Satz: Ich will nach Hause! Schaue eigentlich alles rund um das Kaisergebirge, wobei ich die Inhalte ausblenden kann.
Ein weiterer Lebensinhalt ist, das Bewusstsein für den Lupus zu zu verbreiten. Was also lag näher – es ist zwei Jahre her – einen Brief zu schreiben mit der Bitte, auch einmal Systhemischen Lupus E. zum Thema zu machen. Forderte auch andere auf, es mir gleich zu tun. Es muss nicht dehalb dazu gekommen sein, aber nun ist es endlich soweit. Mir war das so wichtig, weil ich beobachtet habe, wie sehr die Erwähnung „It`s Lupus“ oder „It`s not Lupus“ bei Dr. House die Wahrnehmung in den USA geschärft hat.
Natürlich bekommt man bei einer Serie keine detaillierten Informationen zu allen Spielarten dieser Erkrankung…
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Auch ich kenne das Gefühl nur zu gut, ohne Diagnose leben zu müssen. Mit Cortisol- Mangel wird man auch als faul bezeichnet, da man nichts schafft und andauernd einpennt.
Ist zwar mehr ein Koma, aber das weiß ja keiner. So doof, wie es auch ist, gesund wäre definitiv schöner, logisch!!!
Aber es war trotzdem eine Befreiung für mich, zu erfahren was ich habe. Ich konnte mich mit mir aussöhnen. Die anderen sind mir da mittlerweile egal. Verstehen können sie es nicht. Das muss man akzeptieren.
Aber allein, dass man mit sich selbst ins reine kommt. Das ist wichtig. Auch wenn man spürt, da stimmt was nicht, zerfrisst es einen, nicht zu wissen was los ist
-Silke-
(Betroffene : Morbus Addison u.a.)
heraus betrachtet, sieht man vieles deutlicher. Zumindest erscheint mir dies gerade so, jetzt wo ich gerade dabei bin, meine Unterlagen für den morgigen Arzt-Termin vorzubereiten.
Eigentlich hatte ich ja vor meine Arzt -Termine zu reduzieren, aber leider reduzieren sich dadurch meine Beschwerden nicht, weshalb ich nun doch beschlossen habe noch einen Anlauf zu nehmen, um mir zumindest eine gewisse Linderung zu verschaffen.
Seit längerem bereits hege ich , aufgrund verschiedener Untersuchungsergebnisse, den Verdacht, dass der jahrelang verschleppte Entzündungsprozess in Kombination mit der Chemo- Therapie verschiedene Baustellen nach sich gezogen hat, welche durch weitere Immunsuppression nicht zu beheben sind.
Also , noch einmal Ärmel hoch und los geht`s, zu meinem ehemaligen Rheumatologen, der sich mittlerweile im Rahmen einer Privatpraxis auf eine „ganzheitliche Sichtweise“ der Dinge spezialisiert hat.
Der erste Termin verlief positiv, ich nehme den Eindruck mit nach Hause, dass ich verstanden und das Problem erfasst wurde.
Und neben dem guten Gefühl, dass es hier evtl. Hilfe geben könnte, nehme ich zusätzlich einen riesigen Fragebogen, zur Erfassung meiner Vorgeschichte, mit nach Hause.
Wie ein Stein liegt mir dieser Fragebogen im Magen. Bitte Nicht!!! Nicht wieder Laborbögen durchwühlen. Nicht wieder Befunde kopieren. Nicht wieder fieberhaft überlegen müssen, wie ich den nächsten Arztbesuch genau so vorbereiten kann, dass der Arzt, der mir da gegenüber sitzt, (in der Kürze der Zeit!!!!) auch alles was wichtig ist, genau erfassen kann.
Ich schiebe das Ausfüllen des Bogens vor mir her. Ich will nicht hinsehen, halte das Formblatt tief verborgen in meiner Tasche, um die ich in den nächsten Tagen einen großen Bogen mache. ALLES, mich nur nicht mit den vorliegenden Befunden auseinandersetzen !!!
Aber nun ist es soweit, morgen steht der nächste Termin an und weil ich noch immer die Hoffnung auf Verbesserung nicht aufgegeben habe, setze ich mich pflichtbewusst an den Schreibtisch und beginne mit dem Ausfüllen.
Augen zu und durch, so die Devise!!! Wie so oft in den vergangenen Jahren. Ich bin es gewohnt die Zähne zusammen zu beißen. NICHT hinzuspüren, meine Gefühle vor der Tür der Arztpraxis abzustellen, wegzudrücken damit ich funktionieren kann. Damit ich alles ruhig sachlich, möglichst emotionslos und gut strukturiert darlegen kann. Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit verpacke ich gut, im hintersten Winkel meiner Seele.
Also, komm schon!! Du weißt doch wie es geht, reiß Dich gefälligst zusammen. Mach Deinen Job, arbeite alles ab und bringe es hinter Dich. Und soweit geht ja auch alles ganz gut, so schlimm ist es gar nicht. Um den Punkt „Krankheitsverlauf“ arbeite ich mich sauber drum herum, spare ihn aus bis zum Schluss.
Aber schlussendlich kann ich mich ja dann doch nicht mehr drücken und trotz des unglaublichen Widerstandes, den ich innerlich verspüre, schlage ich einen meiner Ordner mit der Aufschrift “ Befunde“ auf. Und da macht sie sich bezahlt , meine jahrelange, disziplinierte Haltung im Umgang mit dem med. System. Vor mir liegt eine ( 3 Seiten lange!!!!) Auflistung sämtlicher Befunde, eine Zusammenfassung der vorhandenen Beschwerden sowie eine sorgfältige Auflistung sämtlicher Therapieversuche.
Ein kurzer Blick darauf genügt um zu erkennen, welchen Wahnsinn ich in den vergangenen Jahren durchlaufen habe. Erinnerungsfetzen tauchen auf, innere Bilder von Untersuchungsräumen, Krankenhäusern, Arztgesprächen. Erinnerungen an schmerzvolle, quälende Untersuchungen. Alte Gefühle der Wut der Ohnmacht, der Verzweiflung und des Alleinseins….Sofort schießen mir die Tränen in die Augen, fast unmittelbar berühre ich die tiefe Wunde in mir, welche die Angst vor der Krankheit, der Marathon durch sämtliche universitären Ambulanzen , die unzähligen Arztbesuche, die mit der Erkrankung verbundenen Verluste in mir hinterlassen haben.
Ein Hauch dessen streift mich, was ich alles an Verzweiflung, Angst und Not im Kampf um die richtige Behandlung hintenangestellt habe. Ja, hinten anstellen musste, um in diesem medizinischen System auch nur eine geringe Chance auf angemessene und ausreichende Versorgung zu haben.
Wie ein riesiger Stein, ein riesiger Klumpen aus aufgestautem Schmerz in meinem Inneren fühlt es sich an und mir wird klar, dass hier noch eine ganze Menge Arbeit vor mir liegt bis ich all dies aufgelöst und verarbeitet habe.
Aber immerhin kann ich hinsehen, Tränen können wieder fließen. Der erste Schritt heraus aus der Erstarrung der vergangenen Monate ist getan.
War es das, was der Arzt meinte, als er sagte ich müsse nicht alles ausfüllen, er habe Verständnis dafür, dass es zu viel auf einmal sei?
Ich weiß es nicht, aber zumindest hat es hat den Anschein als könne da jemand erahnen , welche Spuren der Verwüstung die vergangenen Jahre in mir hinterlassen haben.
Sind manchmal notwendig um sich innerlich zu befreien, um wieder durchatmen zu können. Ein Blick heute früh in meinen Wochenplaner sagt mir deutlichst, es wird höchste Zeit mal wieder durchzuatmen . „So kann es nicht mehr weiter gehen!!!!!“……alles voll, über Wochen ausgebucht, der Kalender quilt förmlich über vor lauter Arzt-Terminen. Notwendige Termine, wie es scheint. Rheumatologin, Kardiologin, Nephrologin, Augenarzt u.s.w, u.s.w…. Wichtig! Wichtig! Wichtig!
Sicherlich, die Ärzte mit denen ich heute noch zu tun habe sind alle nett…sehr nett, mir menschlich zugewandt und ich bin mir sicher, dass sie alle nur das Beste für mich und meine Gesundheit wollen
Und dennoch. Für mich bedeuten diese Termine Stress. Stress weil für mich an solchen Tagen keine Energie mehr übrig bleibt, um etwas anderes zu unternehmen. Stress weil ich an diesen Tagen mit meiner Erkrankung konfrontiert werde. Stress weil mir jeder Arztbesuch zeigt, dass ich mich eigentlich im „freien Fall“ befinde und es auf die allermeisten Fragen keine befriedigende Antwort gibt. Stress weil ich mich an diesen Tagen der Erkrankung zuwende und kaum mehr Raum für Leben bleibt.
Wenn ich nun also in meinen Kalender schaue, dann muss ich mir die Frage stellen, wo denn, neben all dem Gefühl für die Verantwortung meiner Gesundheit gegenüber, die Lebensqualität geblieben ist? Wo ist denn der Platz, für die Dinge die mir Energie spenden und die mich mit der Schönheit des Lebens in Kontakt bringen? Wo ist die Lebensfreude geblieben?
Die erschütternde Erkenntnis dieser Überlegung lautet: “ Es gibt kaum mehr einen Raum für diese Dinge“ Für die Dinge, die mir schlussendlich die Kraft schenken, um mit meiner Erkrankung (möglichst) gut leben zu können. Alles gewichen, dem Wunsch dem „Wolf“ seine Zähne zu ziehen, ihm seine Aggressivität zu nehmen. Gewichen einer verzweifelten Suche nach Sicherheit in einem vollkommen unsicheren Leben.
Hier MUSS sich etwas ändern. ICH muss etwas ändern. …Bislang habe ich Arztbesuche immer in den Vordergrund gestellt. Sie hatten oberste Priorität. „Da hängt ja mein Leben dran“. ..so mein Gedankengang. Es war also die Angst (im weitesten Sinne ) vor dem Tod, die meinen Terminkalender (und damit mich) bestimmt hat. Mit dem Ergebnis, dass rundherum noch nicht einmal mehr soviel Energie übrig blieb, mich mit Freunden zu treffen, ein Buch zu lesen, zu malen …Ein Irrwitz…was bitte ist das für ein Leben?! Genau genommen bin ich drauf und dran es zu verpassen, auf der Suche nach einer Sicherheit, die mir sowieso keiner geben kann.
Damit ist nun Schluss, so meine Entscheidung. Künftig werde ich die Arzt- Termine um MEINE Bedürfnisse herumlegen. Nicht mehr jeden privaten Termin „knicken“ , aus der Angst heraus, den scheinbar so dringend benötigten Arzt-Termin, in der völlig überlasteten Facharztpraxis nicht ergattern zu können. Ich werde nicht mehr alles Leben in den Hintergrund stellen aus der Angst heraus womöglich eine „Bißwunde“ des Wolfes zu übersehen. Ich werde ein Stück meines Kontrollbedürfnisses aufgeben.
JA, und ich werde HEUTE damit beginnen indem ich mir nun endlich meinen Yogakurs buche. Und vor allen Dingen, werde ich diesen auch besuchen. Und sollte die Frage bei der nächsten Terminvereinbarung lauten: „Passt Ihnen Montag, der so und so vielte? Dann wird meine Antwort lauten: „Nein, denn da habe ich Yoga!!!
Verantwortungslosigkeit? Mangelndes Verständnis für die vorherrschende Zeitknappheit im Gesundheitswesen? Nein!!!! Selbstfürsorge!!!
Es gab eine Zeit da hatte ich große Angst vor meinem „Wolf“. Jedes neue Symptom, jedes neue Auftreten von Beschwerden, jeder neue Schub hat riesige Angst in mir ausgelöst, Aktionismus. Ich bin förmlich um mein Leben gerannt. Jedes Quäntchen an Energie, das der „Wolf“ mir gelassen hat, habe ich darauf verwandt die Erkrankung zu verstehen und die Zusammenhänge, das was ich sehen konnte, meinen Ärzten begreiflich zu machen. Ohne Erfolg!!!!. Jegliche Hilfe ist ausgeblieben.
Dann kam eine Zeit, da ging es mir so schlecht, dass ich irgendwann an einen Punkt kam, an dem ich mich geschlagen gegeben habe. Eine Nacht in der ich verstanden habe, dass ich keinen Einfluss habe, auf das was geschieht, unabhängig davon was ich möchte oder tue.
„befahl sich Gott und schlief ein“ kam mir damals in den Sinn. Ein Satz aus Kindertagen, aus irgendeinem Märchen. Ich weiß noch nicht einmal mehr aus welchem. Auf jeden Fall half er. Ich erinnere mich, dass mir dieser Gedanke tatsächlich geholfen hat, mich in den Schlaf fallen zu lassen. Trotz aller Angst. Und ich wurde (zu meinem Erstaunen!!!) wieder wach.
Aber der „Wolf“ war noch immer da, biss mit derselben Gewalt zu, wie am Tag zuvor. Und Hilfe war noch immer nicht in Sicht. Noch für einen sehr langen Zeitraum nicht.
Und dann kam eine Zeit, da haben mir die „tollwütigen Attacken“ meines „tierischen Begleiters“ so sehr zugesetzt, dass ich begonnen habe den Tod als einen Freund herbei zu sehnen, als jemanden der mir dabei helfen kann die Qual zu beenden.
Hilfe? Die war noch immer nicht in Sicht. Nur die Liebe zu meiner Familie vermochte damals, den „Lockrufen“ meines „neuen Freundes“ Einhalt zu gebieten. Und noch immer sollte eine lange Zeit vergehen, bis auch Ärzten und Umfeld klar wurde, wie sehr der Wolf sein Unwesen in mir trieb.
Heute habe ich kaum mehr Angst vor meinem „Wolf“. Manchmal vielleicht fast gar, ein kleines bisschen zu wenig (es dauert in der Zwischenzeit sehr lange bis ich um Hilfe rufe).
Angst habe ich aber trotzdem. Immer wieder einmal, aber heute ist es eine andere Angst. Es ist nicht mehr so sehr die Angst vor dem Tod, heute ist es vielmehr die Angst vor dem Leben. Einem Leben mit dem „Wolf“ und ohne die notwendige Hilfe.
Und noch mehr Angst habe ich davor mit ihm, aber ohne meine Lieben leben zu müssen.
Ob mir irgendwann auch da der Gedanke „befahl sich Gott und schlief ein “ helfen wird? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe darauf!!!!!
Es ist niemals möglich einem anderen Menschen die eigene, innere Realität in vollem Umfang zu vermitteln. So sehr wir uns auch anstrengen, so sehr wir uns bemühen. Insofern wird es auch immer nur in Ansätzen möglich sein einem anderen, außenstehenden Menschen zu vermitteln, wie es sich anfühlt krank zu sein. Dies ist es wohl was schlussendlich unter „existenzieller Einsamkeit“ zu verstehen ist. In letzter Konsequenz sitzen wir alle irgendwie alleine in unserem ganz persönlichen „Lebensboot“ und sind verdammt den Stürmen des Lebens zu trotzen. Ein Gedanke der mich einerseits schmerzt und mich manchmal auch ängstigt, der mir gleichzeitig jedoch auch dazu geeignet scheint, die Menschen einander näher zu bringen. Mich den anderen näher zu bringen. Der Gedanke, letztendlich nie in Gänze zu wissen, was der andere innerlich erlebt, (und das andere nicht wissen können was ich erlebe!!!! ) macht mich irgendwie demütig. Er lässt mich respektvoll und voller Offenheit auf das Schicksal des anderen blicken und hilft mir dabei meine eigenen Erwartungen darauf „verstanden werden“ zurück zu nehmen. Insgesamt scheint es mir ein sehr hilfreicher Gedanke zu sein. Hoffentlich erinnere ich mich möglichst oft an ihn!!!!!